Eine Woche mit uns … in Rio de Janeiro

Am gestrigen Samstag war es dann so weit – wir verließen Rio de Janeiro und reisten nach 8 Tagen in dieser wunderbaren Stadt schweren Herzens an der Costa Verde entlang weiter Richtung Süden. Zwar hatten wir in den letzten Monaten viele tolle und einmalige Orte kennenlernen dürfen aber letztlich ist es wie in der Liebe … manchmal macht es einfach „Boom“. Ein solches „Boom“-Erlebnis hatten wir während unserer Zeit in Rio – wir haben uns in die Stadt und die Menschen verliebt 🥰 …

Was genau war es, das uns dazu gebracht hat, zu sagen: „Ja, das ist ein Ort, an dem wir uns vorstellen können, zu leben!“?

Da fällt uns als Antwort einiges ein:

  • Das entspannte und trotz der Größe (> 6 Mio. Einwohner) hektikfreie Leben der Menschen
  • Die überall zu spürende Lebensfreude der Cariocas (Einwohner von Rio) – nicht nur während des Karnevals
  • Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen
  • Die grandiose Symbiose von (Groß-)Stadt und Natur
  • Die schier überwältigende Zahl an großen und kleinen Sehenswürdigkeiten, Freiluftveranstaltungen, Märkten, etc.
  • Das tolerante Miteinander unterschiedlichster Rassen und Nationalitäten
  • Die mondäne Weltoffenheit der Stadt als Ganzes
  • Die vielen überall in der Stadt verteilten Parks und Grünanlagen
  • Das türkisblaue Meer mit unzähligen wunderschönen Stränden und Freizeitmöglichkeiten
  • Der dörfliche Charme, der in den Stadtteilen noch unverkümmert zu erkennen ist
  • Das angenehme Klima und die ganzjährig warmen (bis heißen) Temperaturen

Alle diese Eindrücke prasselten sukzessive auf uns ein, führten bereits am ersten Wochenende zum oben genannten „Boom“-Effekt und wurden gekrönt, als wir am Sonntagabend bei erstklassigen DJ-Vibes auf dem Zuckerhut abtanzten und mit einem Cocktail in der Hand den perfekten Sonnenuntergang über Rio genossen. Die Welt hätte in diesem Moment stehen bleiben können – es wäre der perfekt Moment gewesen!

Rio de Janeiro ist selbstverständlich für seine atemberaubenden und weltweit bekannten Sehenswürdigkeiten berühmt. Egal, ob Zuckerhut, Cristo Redentor-Statue, Copacabana, Ipanema oder das Maracana-Stadion – jeder dieser Orte ist absolut sehenswert. Darüber hinaus gibt es jedoch noch viel mehr Sehenswertes, so daß selbst 8 Tage vor Ort deutlich zu wenig wären, um sie auch nur annähernd alle zu erleben. Deshalb gehen wir hier auf die Erlebnisse ein, die uns besonders bewegt haben … vom Zuckerhut hatte ich oben ja bereits berichtet 😎.

Das erste Wochenende nach unserer Ankunft verbrachten wir damit, unsere unmittelbare Umgebung im modernen und gehobeneren Stadtteil „Barra da Tijuca“ zu erkunden, sowie die Dinge des täglichen Lebens zu erledigen. Das „Fritz House“, geführt von Fritz aus Stuttgart, war unser Wohnmobilstellplatz mitten im Regenwald am Hang des Pedra da Gavea. So war es auch nicht verwunderlich, daß wir zum allmorgendlichen Frühstück Besuch von Opossums und Kapuzineräffchen bekamen.

Ipanema-Beach

Am Sonntag statteten wir dann Downtown-Rio einen ersten Besuch ab. Mit dem Bus fuhren wir zunächst zum populären Ipanema-Strand und besuchten den dortigen Hippie-Markt … nicht aufregend! Deshalb machten wir uns nach einer kühlen Kokosnuß direkt auf den Weg zur gleich nebenan gelegenen weltberühmten Copacabana. Ehrlich? Mich hat der Strand nicht von den Socken gehauen, wahrscheinlich aber auch, weil er von Sonnenanbetern, Essbuden, Strandstuhl- und -schirmverleihen und fliegenden Händlern nur so vollgepflastert ist. Gut, es war ein Sonntag aber ich befürchte, daß es auch wochentags nicht viel anders aussieht … und derzeit ist brasilianischer Winter. Da mag ich gar nicht darüber nachdenken, was hier im Sommer in der Ferienzeit los ist. Ipanema war diesbezüglich angenehmer, obwohl auch dort primär die schiere Größe und Länge des Strandes im Vordergrund zu stehen scheint, nicht die natürliche Schönheit vor tropischer Traumkulisse … es sei denn, man mag Hochhausidylle 😜.

Das Highlight nicht nur des Tages, sondern eines des ganzen Besuchs in Rio war die Seilbahnfahrt auf den Zuckerhut am späten Nachmittag pünktlich zum Sonnenuntergang. Ein unvergesslicher Abend ergab sich, der von erstklassigen DJ-Rhythmen und einem famosen Sonnenuntergang begleitet wurde. Bei warmen Temperaturen, cooler Musik und leckeren Drinks tanzten wir entspannt in den Abend und genossen einen unvergesslichen Ausklang des Sonntags.

Am Dienstag stand bei uns der Besuch der Cristo-Redentor-Statue auf dem Programm, leider hatte der Tag morgens Bewölkung im Programm, so daß uns eine andere schöne Perspektive auf Rio-Stadt verwehrt blieb … egal! Die Fahrt hoch mit der Zahnradbahn war wenig aufregend, bewährte eidgenössische Technik halt 😁. Oben angekommen, mussten wir uns mit den täglich durchschnittlich 5.000 Besuchern um die besten Plätze für ein Selfie mit Cristo schlagen … erfolgreich versteht sich. Seitdem gibt es einen epischen Emoji-Sticker mit mir und Cristo, den ich absolut feiere 😎. Nachmittags ging es für uns ins Zentrum von Rio, wo wir einige architektonische Wunderwerke der Geschichte Rios und der Neuzeit bewunderten. Das gesamte Hafenviertel wurde für die Olympiade in Rio 2016 modernisiert und äußerst schön hergerichtet.

Auch als Emoji-Sticker verfügbar 😎

Für jeden Fussball-Fan ist letztlich ein Besuch des Maracana-Stadions ein unvergessliches Erlebnis und Pflichtveranstaltung eines Rio-Besuchs. Die Fussabdrücke von Pelé über Ronaldo bis hin zu Neymar Jr., die Umkleidekabinen der Stars von Flamengo Rio de Janeiro und der Spielertunnel, durch den ich auf den heiligen Rasen des Stadions laufen konnte, jagten mir als Fussball-Fan eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken.

Fussball-Tempel Maracana

Ein Besuch von Rio wäre unvollständig, wenn man nicht versuchen würde, sich auch ein möglichst objektives Bild von den abschreckenden Berichten zu den rund 1.000 Favelas in Rio zu machen. Eins vorweg: die Medien suggerieren durchweg ein Bild von hoher Kriminalität, Unsicherheit und Armut. Sei es beim Besuch der Copacabana, die man schon tagsüber kaum ohne potentiellem Diebstahl passieren könne, bis hin zu dem lebensbedrohenden Wagnis als Tourist eine Favela zu betreten. Großer Unfug! Wir hatten sowohl in Brasilien generell als auch explizit hier in Rio bisher keine einzige Situation, die man als kriminell oder unsicher bezeichnen könnte. Klar Bettler, Armut und soziale Ungerechtigkeit sieht man gelegentlich, jedoch keinesfalls mehr als auch in europäischen Großstädten.

So zogen wir mit Matheus, einem Einwohner der Favela Rocinha, durch sein Viertel. Wir sahen einen überwiegend selbstverwalteten Stadtteil mit eigenen Regeln, der sich jedoch durchweg gut strukturiert und den Menschen, die ihn besuchen, aufgeschlossen gegenüber präsentierte. Klar, die Regeln dort stellt keine Behörde, sondern das Drogenkartell, das sogenannte „Red Command“, auf, Strafen für Vergehen werden ebenfalls „intern ausgesprochen“ und dürften ganz sicher drakonischer sein als in der „normalen“ Welt. Deshalb gibt es auch wenig Kriminalität in Rocinha, jedoch ausgeprägten Drogenhandel … und zwar primär mit Konsumenten aus dem „normalen“ Rio. Harte Drogen, wie Heroin und Crystal Meth sind zudem verboten … ebenso deren Konsum innerhalb der Favela, Alkoholmissbrauch hingegen ein echtes Problem. Die gängigen Drogen von Ecstasy bis hin zu Kokain werden in den Strassen auf Tischen wie in einer Apotheke verkauft, wir sahen mehrere davon. Matheus wies uns immer darauf hin, wenn wir keine Fotos machen durften, weil Späher des Kartells Wache schoben. Wäre mir auch nicht in den Sinn gekommen, saß doch neben jedem Drogentisch ein „Wachmann“ mit Maschinenpistole vor der Brust, geladen und entsichert, wie uns Matheus versicherte. Ansonsten herrscht in der Favela betriebsamer Alltag, es gibt komplette städtische Infrastrukturen und sogenannte „McGyvers“, wie Matheus sie nannte … Menschen, die sich mit Einfallsreichtum darum kümmern, das alles funktioniert, von der Wasserversorgung über die Elektrizität bis hin zum Breitband-Internetempfang. Alles in allem ein prägendes und ernüchterndes Erlebnis, das uns mit Demut zurück lässt. Ernüchternd in dem Sinne, daß die mediale Beeinflussung in der westlichen Welt Matrix-ähnliche Ausmaße annimmt! Dir wird oft eine Welt suggeriert, die nicht der Realität entspricht. Für uns eine Bestätigung, daß man sich immer ein eigenes Bild machen MUSS, wenn man ein realistisches Bild von irgendetwas bekommen möchte. Denn:

„Die gefährlichste Weltanschauung ist die derjenigen, die die Welt nie angeschaut haben!“

Wohl wahr: Das ist Leben!

Arraial do Cabo

Trotz seiner strahlend weißen Sanddünen und den wunderbaren Stränden herrscht in Arraial do Cabo nicht annähernd soviel Touristenrummel, wie im benachbarten Buzios. Zu unserer Verwunderung hat dieses Urlaubsparadies einen kostenfreien städtischen Wohnmobilstellplatz, den wir natürlich in Anspruch nahmen. 

Wie so oft hatten wir auch hier erneut ein unbeschreibliches Erlebnis. Neben uns stand ein dunkelgrauer partiell schrottreifer zum Wohnmobil umgebauter Linien-Bus. Insassen? Eine ganze Familie mittleren Alters aus Argentinien. Frederico, der „Herr des Hauses“ sprach mich eines morgens an und meinte, wie hätten uns bereits getroffen. „Wo denn?“, war meine verblüffte Frage. Vor ganzen fast 7 Monaten – wir sind gerade einmal eine Woche mit Chop-Chop unterwegs und hatten unseren ersten Grenzübertritt von Uruguay nach Argentinien hinter uns – übernachteten wir in der grenznahen Karnevalshochburg Gualeguaychu, in der gerade karnevalistischer Ausnahmezustand herrschte. Offensichtlich waren wir damals mit Chop-Chop so auffällig, daß sich Frederico an uns erinnern konnte, standen und übernachteten wir doch wenige Meter voneinander entfernt am selben Ort. Krass! Ich hingegen hatte ihn, seine Familie und sein rentenreifes Gefährt dabei so gar nicht mehr auf dem Schirm.

Ein paar der besten Strände – einsame und auch überaus belebte Streifen mit herrlichem Sand – waren nur wenige Minuten von unserem Stellplatz entfernt. Attraktion der Halbinsel sind vor allem im jetzigen Juli und August die Buckelwale, deren Wanderroute direkt vor der Küste verläuft und die wir von einigen Aussichtspunkten sehr gut beobachten konnten. 

Gleich oberhalb des Stadtstrandes erinnert ein Schild an den Seefahrer Amerigo Vespucci. Der Entdecker ging auf dieser Halbinsel im Jahre 1503 an Land und ließ 24 Männer zurück, die das Land besiedeln sollten. Somit wurde Arraial do Cabo zu einem der ersten europäischen Vorposten auf dem amerikanischen Kontinent überhaupt.

Zwei Nächte verbrachten wir an diesem idyllischen Ort mit (sonnen) baden, Walbeobachtung, Wanderungen und entspannen vor unserem nächsten großen Ziel … dem quirligen etwa 100 Kilometer westlich gelegenen Rio de Janeiro – eine der weltweit wunderbarsten und vielfältigsten Städte überhaupt!   

Was wir dort alles erlebten, erfahrt ihr im kommenden Beitrag unseres Formates „Eine Woche mit uns … in Rio de Janeiro“. Seid wie wir gespannt darauf, was uns in der Welthauptstadt des Karnevals alles erwartet … 

St. Tropez

Nein, natürlich sind wir, obwohl wir mittlerweile an der brasilianischen Atlantikküste angekommen sind, nicht in ein Boot gestiegen und über den Atlantik bis ins Mittelmeer und an die französische Riviera gefahren.

Dennoch, es liegt ein deutlich wahrnehmbares Flair von St. Tropez über diesem Teil der brasilianischen Riviera, an dem wir uns hier im Bundesstaat Rio de Janeiro gerade befinden – „Armação dos Búzios“ auf der Buzios-Halbinsel.

Die Buzios-Halbinsel – ein Hauch von St. Tropez

Denn, wer neben der perfekten Bräune auch Wert auf schicken Komfort und Nachtleben legt, trifft mit Buzios eine hervorragende Wahl! Dank der – selbst für brasilianische Verhältnisse – paradiesischen Strände ist die Halbinsel das Lieblingsziel der Schönen und Reichen aus Brasilien (und halb Argentinien 😎) und in puncto Luxus sowie Dekadenz kaum zu toppen. Eigentlich alles Andere als unser Ding aber aufgrund der Schönheit der Landschaften für uns dennoch ein lohnendes Ziel, um mit dem Wohnmobil durch den Vorgarten der Schönen und Reichen zu fahren 😁.

Das wunderschöne Buzios liegt auf einer vorspringenden Halbinsel mit insgesamt 17 Stränden. Bis in die 1960er Jahre war es nur ein einfaches Fischerdorf, dann entdeckten Brigitte Bardot und ihr brasilianischer Freund es für sich – und um die Einfachheit und Ruhe war es geschehen. Heute ist es eines der gehobensten und lebhaftesten Strandorte des Landes – voller Boutiquen, Villen, Nobelrestaurants, Bars und todschicker Pousadas. Die Stadt hat dennoch ihren mediterranen Touch bewahrt, den die Portugiesen vor vielen Jahrhunderten mitbrachten. Die schmalen kopfsteingepflasterten Gassen und die malerische Uferpromenade tragen zu Buzios Image als brasilianisches St. Tropez bei.

Die kopfsteingepflasterte Hauptstrasse der Stadt ist eine wunderschöne Uferpromenade, die Buzios älteste und malerischste Viertel Armaçao und Ossos miteinander verbindet. Bei unserem Spaziergang am Ufer entlang konnten wir mehrere Statuen der Bildhauerin Christina Motta entdecken, darunter eine von Brigitte Bardot, des früheren brasilianischen Präsidenten Juscelino Kubitschek sowie einige bemerkenswert realistisch wirkende Skulpturen von Fischern, die ihre Netze einholen.

Die Nacht haben wir an einem abseits über einen Feldweg zu erreichenden einsamen Abschnitt der Praia de Tucuns in absoluter Einsamkeit und Ruhe verbracht – selten zu finden in dieser Gegend. Am kommenden Tag ließen wir es uns nicht nehmen, einige der 17 Traumstrände anzufahren … dabei blieb es jedoch auch oft. Die Strandabschnitte sind bereits dermaßen durchkommerzialisiert, daß nicht einmal an einen kurzen Stop zum Anschauen zu denken war. Was aber auch nicht schlimm war, denn die Strände selber waren ebenfalls im Riviera-Stil europäischer Vorbilder durchkommerzialisiert 😜.

So beließen wir es bei einer schönen Rundfahrt um die Buzios-Halbinsel, Stops an einigen traumhaften Aussichtspunkten und der Weiterfahrt zur rund 35 Kilometer westlich gelegenen ruhigeren, von blendend weißen Sanddünen und atemberaubenden Stränden umgebenen Schwester-Halbinsel „Arraial do Cabo“. Was uns dort erwartete, erfahrt ihr im nächsten Beitrag …

Koloniales Erbe

Das in Brasilien nicht, wie in allen anderen Ländern Südamerikas, spanisch, sondern portugiesisch gesprochen wird, hat natürlich sehr viel mit der kolonialen Vergangenheit des Landes zu tun, welches maßgeblich durch die portugiesischen Eroberer geprägt wurde.

Nachdem wir bereits einen detaillierten Beitrag zu Mariana verfasst haben, nutzen wir hier die Besuche der – ob ihrer kolonialen Altstadt-Architektur – herausragend schönen Städte Tiradentes, Sāo Joāo del Rei, Congonhas und vor allem Ouro Preto, um uns ein wenig intensiver mit dem kolonialen Erbe Brasiliens zu befassen. Nicht umsonst sind die kolonialen Hinterlassenschaften der beiden letztgenannten Städte aufgrund ihres Wertes für die Menschheit in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen worden.

Im Mittelpunkt der Kolonialisierung durch die Portugiesen stand auch in Brasilien die Sklaverei. Schon bald nach der Kolonisation des Landes im Jahr 1531 erkannten die Siedler, daß Zuckerrohr hier bestens gedieh. 1532 wurde die Pflanze erstmals nach Brasilien eingeführt und hat das Land seitdem nie wieder verlassen. Zucker war in Europa zu jener Zeit heiß begehrt, so daß der Anbau in Brasilien boomte. Ab 1550 wurden viele Afrikaner auf die brasilianischen Sklavenmärkte gebracht und dort vor allem zur harten Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen verschachert.

Afrikanische Sklaven galten als bessere Arbeiter und als weniger anfällig gegenüber europäischen Seuchen, die so vielen Ureinwohnern des südamerikanischen Kontinents das Leben kosteten. Sie erreichten Brasilien unter menschenunwürdigen Bedingungen, wurden aus ihren Familien gerissen und während der monatelangen Überfahrt in schäbigen Schiffen zusammengepfercht. Hatte man die Tortur der Überfahrt überstanden, fing der Leidensweg der afrikanischen Sklaven erst richtig an. Brutalität, Erniedrigung, sexueller Missbrauch, Unterernährung und Erkrankungen, wie Diarrhö, Typhus, Gelbfieber, Malaria, Tuberkulose, Skorbut und/oder Syphillis spiegelten das tägliche Leben der Sklaven wider und raffte ein Vielzahl von ihnen innerhalb kürzester Zeit dahin.

Meisterwerk: Aleijandinhos 12 Statuen vor der Basilika in Congonhas …

Als 1888 auch in Brasilien die Sklaverei abgeschafft wurde, lebten bereits 3,6 Mio. Afrikaner im Land. Am 13. Mai 1888, nach fast 80 Jahren voller Ausflüchte und Streitereien mit den Engländern, die für eine Abschaffung eintraten, unterzeichnete Princesa Isabel schließlich das Dokument, das bis heute untrennbar mit ihrem Namen verbunden ist – die Lei Aurea. Zwar beseitigte Isabel damit zweifellos eine verabscheuungswürdige Praxis, doch das Gesetz ließ viele Fragen offen, insbesondere die zentrale Frage, was die 800.000 befreiten brasilianischen Sklaven, größtenteils Analphabeten, ungelernt und ohne Arbeit, nun tun sollten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

So standen plötzlich tausende ehemalige Sklaven auf der Straße. Viele starben, während andere in die Stadtzentren strömten und dort Teil der (ersten) Favelas wurden, Elendsviertel, die rasend schnell insbesondere um Rio de Janeiro herum entstanden. Ihre Bewohner sind bis heute ehemalige Sklaven und bettelarme hungerleidende Menschen aus dem Landesinneren, die auf der Suche nach einem besseren Leben in die Stadt kamen.

So ist die prächtige koloniale Architektur, die in vielen Städten im Umkreis von Rio de Janeiro bis heute zu bestaunen ist, letztendlich eine Hinterlassenschaft des auf Ausbeutung beruhenden Reichtums, den der auf dem Rücken der Sklaven ausgetragene lukrative Zuckerrohranbau und Zuckerhandel mit Europa sowie der Goldrausch des 17. Jahrhunderts den brasilianischen Plantagenbesitzern und den Minenbetreibern gebracht hat. Durch die Christianisierung der Bevölkerung des Landes entstanden zudem unzählige prächtige Sakralbauten.

Mariana

Edle Kolonialarchitektur und zwei der schönsten Plätze in Minas Gerais zieren das entzückende 1696 gegründete Mariana, das eines der ersten Siedlungen des Staates war und auch als seine erste Hauptstadt diente. Zusammen mit seiner ein paar Kilometer westlich liegenden Schwesterstadt Ouro Preto – seines Zeichens UNESCO Welterbestätte und eines der meist besuchten Orte Brasiliens – war Mariana auch ein für uns sehr lohnendes Ziel. 

Blick vom Kirchturm auf die koloniale Altstadt Marianas …

Während unseres heutigen Besuchs wurde in der Stadt bereits eifrig geputzt, restauriert und vorbereitet … wofür? Für die wohl alljährlich stattfindende diesjährige 328-Jahr-Feier am 16. Juli 2024, also genau in 5 Tagen. Eigentlich schade, daß wir ein wenig zu früh hier sind …

Einen dunklen Moment durchlebte Mariana vor nicht allzu langer Zeit, am 5. November 2015. An jenem Tag brach der Damm des Rückhaltebeckens Fundāo nahe Marianas. Millionen Kubikmeter an Bergwerksschlamm aus einer Eisenerzmine und ein Tsunami aus Schlamm zerstörte mehrere Dörfer, 349 Häuser, Schulen und Kirchen … insgesamt 19 Menschen starben an diesem Tag, die betroffenen Flüsse wurden verseucht. Noch heute, fast 9 Jahre nach dem Unglück, ist ein Großteil der vom Dammbruch Betroffenen nicht entschädigt worden, noch immer leiden die Menschen unter den Folgen der Verseuchung des Flußwassers auf mehreren hundert Kilometern Länge. Mehrere Gerichtsprozesse werden gegen das Betreiberkonsortium in Brasilien, Großbritannien und Australien geführt, eine Ende ist nicht abzusehen …

Zurück in die Gegenwart: wir nutzten die Gelegenheit einer hier ansässigen brauchbaren Autowerkstatt, um nach nunmehr fast 20.000 gefahrenen Kilometern einen dringend benötigten Öl-, Ölfilter- und Kraftstofffilterwechsel durchführen zu lassen. Die Google-Translate-App hatte dabei Dauereinsatz. Es ist immer wieder schön zu sehen, daß man sich auch über eine – bei Portugiesisch definitiv extrem bestehende – Sprachbarriere hinweg setzen und verständigen kann … wenn man denn will 😁. 

Brasilianisches Portugiesisch ist echt ein Brett, daß kann ich nach nunmehr 3 Wochen in diesem Land mit Fug und Recht behaupten. Selbst Pedro, ein 18-jähriger sehr aufgeweckter Junge aus Curitiba, den wir mit seiner Familie auf dem Campingplatz in Capitolio am Wochenende kennengelernt haben, meinte ohne Umschweife, daß der brasilianische Portugiesisch-Slang selbst für sprachbegabte Ausländer eine nicht zu überwindende Hürde darstellt. Keine Widerworte unsererseits 😜 … 

Leider gab uns Ricardo, der Werkstattchef, mit auf den Weg, daß in vermutlich absehbarer Zeit unsere Kupplung den Geist aufgeben wird. Das eine Kupplung ein Verschleißteil ist, war uns bekannt, ebenso, daß sie rund 100.000 Fahr-Kilometer durchhält … im Normaleinsatz auch gerne deutlich mehr. Da insbesondere die letzten 20.000 Kilometer auf südamerikanischem Boden jedoch alles Andere als normal waren, was den Fahrbetrieb unseres Chop-Chops angeht, dürfen wir dies ganz bestimmt nicht erwarten und werden in einem der nächsten Niedrigpreisländer, idealerweise in Paraguay, das Thema wohl angehen.

Blick vom Mirador auf die koloniale Altstadt von Ouro Preto …

Morgen geht es für uns in die Schwesterstadt Marianas, nach Ouro Preto, wo wir uns die wohl schönste koloniale Altstadt von Minas Gerais anschauen werden.

Auf geht‘s!

Go East …

… heißt es für uns nach den überaus spannenden ersten Wochen im brasilianischen Pantanal – noch dazu in einer Gruppe mit 3 und später 4 Overlandern aus Nordhorn, Augsburg und Zürich.

Für uns reicht es nun nach 3 Wochen im Konvoi! Obwohl wir uns mit allen gut verstanden haben, muß man für ein gemeinsames Reisen im Wohnmobil eine gehörige Portion Kompromissbereitschaft, Geduld und Toleranz mitbringen … für ein paar Wochen okay aber dauerhaft fühlen wir uns dadurch doch zu stark eingeschränkt. Deshalb haben wir uns in Cuiabà, der Hauptstadt des Bundesstaates Mato Grosso voneinander verabschiedet, hier ging es für alle in unterschiedliche Richtungen.

Nadine und Elias aus Augsburg müssen langsam Richtung Uruguay, da sich ihre Langzeitreise in Südamerika dem Ende zuneigt und in drei Wochen die Rück-Verschiffung ansteht.

Jacqueline und Henning aus Nordhorn müssen in zwei Wochen ebenfalls zurück in die Heimat … von Campo Grande aus und nur temporär. Die Hochzeit von Hennings Sohn steht an, das können sich die beiden auf keinen Fall entgehen lassen.

Sybille und Herrmann aus Zürich fahren ebenfalls für einen 6-wöchigen Heimaturlaub nach Uruguay, wo sie ihr Fahrzeug in einem Storage unterbringen können. Auch sie kommen anschließend zurück, um ihren bisherigen 6 Reisejahren wohl noch einige anzuhängen 😁.

Möglicherweise treffen wir auf unserer Reise die beiden Letztgenannten in den kommenden Monaten noch einmal wieder … die Welt und insbesondere Südamerika ist ja klein, wie wir bereits gelernt haben 😜.

Und was ist mit uns? Uns zieht es gen Osten! Durch die Bundesstaaten Goias und Minas Gerais fahren wir derzeit schnurstracks über 2.200 Kilometer an den Atlantik Richtung Rio de Janeiro! Zuckerhut, Christo Redentor Statue, Copacabana, Ipanema und Favelas, all das wollen wir sehen und werden uns dafür auch genug Zeit nehmen.

Zuckerhut, Christusstatue und Copacabana …. Rio, wir kommen!

Auf dem Weg nach Rio wollen wir selbstverständlich auch den Schönheiten Minas Gerais in den kommenden 1-2 Wochen einen Besuch abstatten, so daß wir voraussichtlich in der zweiten Juli-Hälfte in Rio ankommen werden.

Anschließend gilt es, im August von Rio de Janeiro aus eine der Traumstrassen der Welt, die brasilianische Costa Verde, immer am Atlantik entlang Richtung Süden bis nach Santos und weiter Richtung Porto Alegre zu fahren. Üppige Küsten-Regenwälder, einsame Traumstrände, Kolonialzeit-Dörfer und tropische Inseln – an der Costa Verde, dem malerischsten Teil der legendären brasilianischen Küstenstrasse, der BR-101, erstreckt sich ein wahres Paradies!

Die brasilianische Costa Verde von Rio de Janeiro nach Santos – paradiesisch!

Ihr dürft bei Interesse gerne hier mitfahren … 😎🙋‍♂️🙋‍♀️

Transpantaneira

Die Transpantaneira (Routencode: MT-060) ist eine durch das Pantanal in Brasilien führende 147,6 km lange und über 127 Holzbrücken führende Naturstraße, die in Poconé beginnt und in Porto Jofre endet.

Geschafft! Die abenteuerliche Tour ins Pantanal und die Fahrt auf der legendären Transpantaneira haben alle überstanden …

1973  wurde  mit  dem  ehrgeizigen  Projekt  begonnen,  eine  NordSüdverbindung durch das Pantanal  zu  schaffen  –  realisiert  wurde  es  nur  im  Bundesstaat  Mato Grosso,  sodass  sie  in  Porto  Jofre  am  Rio  São Lourenço,  an  der  Südgrenze  des  Staates, abrupt endet … für den Erhalt dieses Naturparadieses wohl eher ein Glücksfall! Circa 20 km südlich der Kleinstadt Poconé erreicht man den Posto Transpantaneira und  dann  geht  es  über die erwähnten 127  Holzbrücken  in  mehr  oder  weniger gutem Zustand auf der aufgeschütteten Piste  bis nach Porto Jofre. Von dort kommend, fuhren wir die Transpantaneira in umgekehrter nördlicher Richtung nach Poconé.

Diese Erdstraße in Schuss zu halten, erfordert jedes Jahr großen Erhaltungsaufwand. Regelmäßig werden Stücke während der Regenzeit unterspült und die Holzbrücken beschädigt. So sieht manche Brücke wenig vertrauenserweckend aus – Bretter fehlen oder sogar Nägel stehen raus! Laut unseren Informationen hat der Besitzer des Hotel Porto Jofre die Aufgabe – sicher gegen gute Entlohnung – übernommen, die Piste in Schuss zu halten … auch in seinem höchsten Eigeninteresse: die vielen Sportfischer müssen ja sein Hotel erreichen können, sofern sie nicht per Flugzeug kommen. Dennoch kann es passieren, dass sich auch außerhalb der Regenzeit die Transpantaneira nach einem Regenschauer in eine wüste Schlammpiste verwandelt, die selbst mit Allradwagen kein Vergnügen ist. Fährt man mit einem normalen Auto, sollte man immer damit rechnen, dass man für ein paar Tage festsitzen kann.

In der gegenwärtigen Trockenzeit gibt es rechts und links der Straße unzählige Tümpel, so dass die Wildtierbeobachtung auch auf der Fahrt immer wieder möglich ist … und die Fahrzeit für die knapp 150 km deutlich verlängert. Dazwischen gibt es dagegen auch Abschnitte, auf denen die Straße durch dichte Vegetation begrenzt wird und wenig Sicht ins Unterholz zulässt! Nicht  zu  vergessen  –  das  Pantanal  ist  ein  bedeutendes  Rinderzuchtgebiet! Da  begegnet  man  schon mal dem  einen  oder  anderen  “Rindviech”.  Ein besonders schönes Fotomotiv, wenn Pantaneiros eine Herde Rinder treiben!

Geschafft! Wir und unsere Wohnmobile sind unbeschadet in Porto Jofre angekommen …

Porto Jofre am Ende der Transpantaneira steht ganz im Zeichen des Tourismus. Von hier aus starten in der gegenwärtigen Trockenzeit täglich unzählige Safaritouren zur Wildtierbeobachtung in das umliegende Pantanal. Nachdem wir mit unserem Vieh- und Warenfrachter über den Fluß sicher in Porto Jofre angekommen sind, stand eine solche Safari auch bei uns für den Sonntag auf dem Programm.

Mit dem Motorboot ging es ganztags durch die zahlreichen Nebenarme des Rio São Lourenço und die Tour begann mit einem echten Hammer: direkt nach der Ausfahrt aus dem Hafen keine 500 Meter den Fluß hoch chillte direkt am Ufer eine Jaguar-Mutter mit ihrem Nachwuchs … ein äußerst seltenes Erlebnis, das uns den Atem raubte!

Absolute Seltenheit gleich am Anfang unserer Safari – Jaguar-Mutter mit Nachwuchs …

Auf der weiteren Fahrt sahen wir unzählige bunte Vögel und Papageien, Raubvögel, Affen, Capybaras (Wasserschweine), Kaimane, Piranhas und das zweite Highlight: ein Riesenotterpaar bei der Jagd! Wir verfolgten die beiden eine ganze Zeit und konnten sie dabei bei der erfolgreichen Jagd beobachten … der Hammer!

Ein rundum gelungener Tag auf dem Wasser ließ uns abends in geselliger Runde beim Abendessen von den Erlebnissen berichten und später todmüde in die Koje fallen und wunderbar träumen …

Unsere Lieblinge – die lustig aussehenden Wasserschweine (Capybaras)