In den letzten 3 Tagen konnten wir intensiv das Leben der indigenen Bevölkerung in der Abgeschiedenheit des Pantanals am Rio Paraguay beobachten … sehr aufschlußreich …
Während unserer Flußfahrt auf dem Ponton von Corumba nach Porto Jofre legten wir zahlreiche Stops an Fazendas, Gemeinden oder Hütten ein, um die Waren, die unsere Pontons mit sich führten, ihren rechtmäßigen Empfängern zukommen zu lassen.
Die Auslieferung auf der „letzten Meile“ erfolgt oft mit dem Beiboot …
Bei den Waren handelte es sich um alles Mögliche, vom Kraftstoff-Faß, Elektroartikeln, Lebensmittel, Drogerieartikel, Getränken bis hin zu lebenden Tieren, Futtermitteln und Dünger war alles dabei … sogar ein ausgewachsener Trecker …
Angeliefert wird überall … an Fazendas, Hütten oder Gemeinden
Zugestellt wurde zu JEDER Zeit, auch nachts. Schließlich kann man die genaue Ankunftszeit aufgrund von möglichen Verzögerungen nicht genau vorhersagen.
Die Schule Polo Sāo Lourenço … vorne die Schul-Busse … bzw. -Boote
Eine längere Pause legten wir an der Schule „Polo Sāo Lourenço“ ein, so daß wir Gelegenheit hatten, mit den Menschen zu sprechen. Erstaunlich ist es allemal, daß selbst die Kinder in dieser Abgeschiedenheit eine vernünftige schulische Ausbildung erhalten. Dazu werden die Penze jeden Tag mit dem Motorboot aus den umliegenden Gemeinden entlang des Flusses abgeholt – Respekt! Und sofern man als moderner Europäer der Meinung ist, hier wird noch mit der Buschtrommel gelehrt, so ist das weit gefehlt. Ganz im Gegenteil! In Anbetracht von schnellem Starlink-Internet und flächendeckender Ausstattung der Schule mit Tablet-PCs kann man eher auf die Idee kommen, daß die Buschtrommel gängiges Relikt der Schulen im modernen Europa ist.
Manch einer bekommt Waren auch direkt ans Hausboot geliefert …
Besonders aufschlußreich war das intensive Gespräch mit Aires, einem Bombonero (Feuerwehrmann) hier in der Gemeinde der Schule. Als cooler Brasilianer trug er vorne im Gürtel eingeklemmt und gut sichtbar eine Pistole … was uns zunächst Respekt einflösste. „Wozu benötigt man hier im brasilianischen Outback eine Pistole?“, fragten wir uns. Die Antwort gab er uns: Um sich zu verteidigen! „Gegen wen oder was?“, schossen wir die nächste Frage hinterher. Naja, erwiderte Aires, einerseits gegen gefährliche Tiere, wie Jaguare. Die zweite Teilantwort überraschte uns jedoch: Und gegen bestimmte Indio-Gruppen in der Region, die in ihren Reservaten leben. Der Grund lag auf der Hand! Als Bombonero war Aires mit seinen Kumpanen für die Eindämmung der zahlreichen Waldbrände im Pantanal verantwortlich. Da diese vor Indio-Reservaten keinen Halt machen, waren sie somit gezwungen auch dort ihre Arbeit zu verrichten. Die Indios jedoch dulden kein Eindringen in ihre Reservate, ein solches kann sie zu aggressiven kriegerischen Handlungen verleiten. Man muß dabei verstehen, daß diese indigenen Gruppen seit Jahrhunderten abgeschirmt von der Zivilisation völlig autark in ihren Schutzgebieten leben und ihren jahrhundertealten Traditionen nachgehen, zu denen auch die Verteidigung des eigenen Territoriums gegen Eindringlinge gehört – notfalls mit Waffengewalt. Da kann eine eigene Pistole im Zweifelsfall schon einmal hilfreich sein … und sei es nur zur Abschreckung …
Massive Waldbrände behindern das Ausliefern … Arbeit für Bomboneros, wie Aires
Selbstredend war Aires auch an unseren Wohnmobilen interessiert, ließ sich von uns alles ausgiebig zeigen und schoß reichlich Fotos. Naja, dachten wir uns, so lange er nur Fotos schießt und nicht mit seiner Pistole, ist doch alles gut 😁.
Touristisch betrachtet lassen sich die lohnenswerten Ziele im Pantanal in den südlichen Teil um Bonito und einen nördlichen Teil um Porto Jofre herum aufteilen – beide besuch(t)en wir …
Vogel- und Tierpardies Camping Refugio Canaā
Natalie gefiel es gut hier im tropischen GartenWer ist hier der Hahn im Korb?
Zunächst ging es für uns alle Richtung Bonito in das südliche Pantanal, wo wir ein paar wunderbare Tage im „Camping Refugio Canaā“ verbrachten. Das Refugio hat sowohl Appartements als auch einen herrlichen Campingplatz mit zahlreichen wild lebenden Tieren der Region, die sich auf dem Platz tummelten, allen voran die große Papageien-Population. Darüber hinaus waren die unterschiedlichsten tropischen Vögel, Pfauenarten und Kapuzineräffchen anzutreffen. Durch den Campingplatz schlängelt sich ein natürlicher Fluß mit glasklarem Wasser und zahlreichen Fischen. Für den Fun-Faktor gab es eine platzeigene Zipline, Schnorchelausrüstung, Floating-Equipment, Schwimmreifen, einen Sprungturm und vieles mehr. Langeweile kam somit während der 5 Tage hier nicht auf 😁.
Mittlerweile hatten sich uns dreien das schweizer Pärchen Herrmann und Sybille aus Zürich angeschlossen. Die beiden sind seit nunmehr 6 Jahren mit ihrem Bimobil auf Reisen, hatten die Corona-Zeit in den USA und Mexiko durchgestanden und sind dann über Mittelamerika nach Südamerika weiter gereist. Natürlich haben wir auch zusammen das EM-Spiel Deutschland gegen die Schweiz geschaut, Starlink mit VPN und Streaming macht‘s möglich. Gut, daß das Spiel unentschieden ausgegangen ist, so blieb der Haussegen gerade 😜.
Am Mittwoch ging es dann weiter Richtung nördliches Pantanal, nach Porto Jofre. Das nördliche Pantanal ist prädestiniert für Wildlife-Beobachtung, insbesondere des größten Raubtieres des Kontinents, dem Jaguar. Aber auch Kapibaras (Wasserschweine), Anakondas, Kaimane und Riesenotter werden regelmäßig auf Touren von Porto Jofre aus gesichtet.
Ganz besonders ist jedoch unsere Anreise nach Porto Jofre.
Zunächst fuhren wir zurück nach Corumba, der ersten größeren Stadt auf brasilianischem Boden nach der bolivianischen Grenze. Von dort aus gibt es einen inoffiziellen und abenteuerlichen Weg nach Porto Jofre … mit dem Vieh-Ponton über den Rio Paraguay quer durch das Pantanal! Keine Frage, das zu versuchen mussten wir unbedingt in Angriff nehmen. Nach einigen Telefonaten und WhatsApp-Konversationen hatten wir die Fahrt in der Tasche. Als Hintergrund muß man wissen, daß die Farmer des Pantanal in Ermangelung von Strassen auf die regelmäßige Versorgung über den Fluß angewiesen sind. Was man zudem wissen muß, ist, daß die Kapitäne sich gerne etwas „zur Kostendeckung“ – wie er uns sagte – dazu verdienen. So nehmen sie auf ihren für den Rinder- und Warentransport bestimmten Pontons, die von einem Schubboot über den Fluß manövriert werden, nur allzu gerne zahlungskräftige Gringos mit ihren Expeditions- und Wohnmobilen mit. Das sowohl das Boarding als auch die Fahrt an sich abenteuerlich und teilweise haarsträubend verlief und die Fahrt ganz sicher jenseits jeglicher Versicherungshaftung vonstatten geht, brauche ich glaube ich nicht zu erwähnen. Ob sich insbesondere Henning mit seinem 12 Tonnen schweren Halbe-Million-Euro-Expeditionsmobil dessen bewußt war, als er freudig die unter der Last knarzenden Holzplanken auf den Ponton hoch fuhr, ist nicht überliefert …
In diese Rinder-Boxen müssen wir rein …Henning als Erster …… Chop-Chop hat‘s auch geschafft …Geschlafen wird an Deck in Hängematten …Das Schubboot beherbergt außerdem Schlafkojen, Toiletten und die Küche …
So tuckern wir am heutigen Donnerstag nach der ersten Nacht auf dem Rio Paraguay durch eine faszinierende Natur gemütlich weiter Richtung Porto Jofre, wo wir aller Voraussicht nach am frühen Samstagmorgen ankommen werden.
Herrliche SonnenuntergängeSo kann man‘s aushaltenÜberall Waldbrände im Pantanal
In Porto Jofre werden wir uns dann auf Safari begeben, um uns von einem lokalen Guide zu einem leibhaftigen Jaguar in freier Wildbahn lotsen zu lassen … seid gespannt auf unsere Begegnung mit der – nach Löwe und Tiger – drittgrößten Raubkatze der Welt …
Wer über Bord geht, hat ein Problem 😜Der Koch bei der Arbeit
Die rund 750 Kilometer bis zur brasilianischen Grenze legten wir im Konvoi in 3 Tagen zurück. Die letzte Nacht auf bolivianischem Boden war dann noch einmal eine ganz besondere an einem ganz besonderen Ort.
Am Donnerstag steuerten wir das rund 200 Kilometer vor Brasilien liegende Thermalbad „Aguas Calientes“ an. Dort fanden wir den öffentlichen Campingplatz der Gemeinde mit Namen „Balneario El Puente“, der idyllisch mit Picknickplätzen unter Palmenhainen direkt am warmen Thermalfluss lag. Ein traumhafter Stellplatz … wenn auch nur für eine Nacht!
Da wir früh am Nachmittag dort eintrafen, hatten wir genügend Zeit für ausgiebiges Baden im warmen Fluss. Die vielen kleinen Fischchen knabberten dabei brav unsere Hautschuppen an Bein und Rücken ab … quasi ein natürliches „Peeling“ 😎.
Traumhafter Stellplatz …… unter tropischen Pflanzen
Am Freitag ging es dann auf direktem Weg zur Grenzabfertigung – raus aus Bolivien und rein nach Brasilien … eine wiederum ganz neue Welt, wie wir unmittelbar feststellten …
Das Brasilien von der Flora und Fauna her deutlich tropischer ist, war für uns keine Überraschung – das konnten wir bereits im bolivianischen Tiefland mit Temperaturen von bis zu 37 Grad, grünen Dschungeln und Palmenhainen erahnen. Was in Brasilien jedoch erneut komplett anders ist, ist der „modus vivendi“, die Lebensweise, der Wohlstand der Gesellschaft und die Sprache. Waren wir in den bisherigen Ländern Südamerikas und zunehmend besser mit spanisch und ganz selten englisch zurecht gekommen, sind wir hier in Brasilien sprachlich völlig aufgeschmissen … Landessprache portugiesisch, nur gelegentlich spricht jemand englisch. Zudem mutet Brasilien im Vergleich zu Bolivien vom Grenzkomplex an deutlich moderner an, was Technologienutzung, Kleidung, Lebensmittel und das Leben generell angeht. Aus unserer Sicht gibt es dabei kein „besser“ oder „schlechter“. Gerade die gefühlte „Rückständigkeit“, das einfache Leben der Menschen in oft ländlichen Gegenden, die tiefe Verwurzelung der Gesellschaft in und die Identifikation mit ihrer Kultur und ihren Traditionen sowie die authentische Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Zugewandtheit war etwas, was uns in Bolivien sehr gefallen hat, weshalb uns dieses Land auch sehr ans Herz gewachsen ist.
Vor allem die Fauna ist in Brasilien zunehmend tropisch 🌴
Brasilien scheint da ganz anders zu sein. Die Menschen sprühen vor Lebensfreude und Neugier … insbesondere uns als ausländischen Besuchern gegenüber – und unseren oft hochmodernen (und teuren) Fahrzeugen. Zurückhaltung ist dabei offensichtlich nicht weit verbreitet, man wird überall direkt (aber nicht penetrant) angesprochen. So entwickeln sich auch hier schnell Gespräche und Bekanntschaften … genau, wie in Bolivien, nur auf eine ganz andere Art und Weise … was der Nachhaltigkeit jedoch keineswegs abträglich sein muß 😜.
Mit diesen Eindrücken erledigten wir alle notwendigen Besorgungen in der ersten Stadt nach dem Grenzübertritt, Corumba. Tank mit (qualitativ gutem!) Diesel füllen, Geldautomat besuchen und Lebensmittelvorrat füllen. Gut vorbereitet ging es so auf zu unserem nächsten Ziel, dem Pantanal, dem größten Binnenland-Feuchtgebiet der Erde!
Das Pantanal im Herzen Südamerikas …
Dieses von der UNESCO im Jahr 2000 zum Biosphärenreservat erklärte Sumpfgebiet ist in etwa halb so groß wie Deutschland und Lebensraum von mehr als 1700 Pflanzenarten, 240 Fischarten, sowie rund 60 Amphibien- und 100 Reptilienarten. Das Pantanal beherbergt zudem etwa 650 Vogelarten, darunter zahlreiche verschiedene Papageienarten. Etwa 35 Millionen Kaimane bevölkern das Pantanal, eine höhere Konzentration von ihnen gibt es nirgendwo auf der Welt.
Seid also gespannt auf weitere spannende Berichte von diesem wunderbaren Kontinent … 🙋♂️
Innerhalb weniger Tage sind wir nun von weit über 4.000 Höhenmetern zurück auf europäische Höhen von knapp unter 2.000 Höhenmetern herunter gekraxelt. Über Uyuni, Potosi und Sucre ging es in die grüne Berglandschaft des Amboro Nationalparks und seinen angrenzenden bolivianischen Sierren, wie der Cordillera Oriental.
Die Touristen, die diese Gegend Boliviens besuchen, quartieren sich in der Regel in dem kleinen Städtchen Samaipata und Umgebung ein … und das hat seinen Grund. Viele Besucher kommen vor allem wegen der Prä-Inka UNESCO Welterbestätte „El Fuerte de Samaipata“. Manche von ihnen suchen dort die mystische Energie, die der antiken Stätte nachgesagt wird … ich habe sie leider nicht gespürt …
Mystische Prä-Inka-Stätte „El Fuerte de Samaipata“
Darüber hinaus ist Samaipata mittlerweile die wichtigste Ausgangsbasis für Ausflüge in den Parque Nacional Amboro. Der Name stammt aus der Sprache der indigenen Quechua und bedeutet so viel wie „Ruhe in der Höhe“ … die wiederum konnten auch wir deutlich wahrnehmen, weshalb wir ganze 5 Nächte in dieser wunderbaren Oase der Ruhe blieben.
Zwei der beliebtesten Ausflüge standen in dieser Zeit auch für uns auf dem Programm, vor allem ein Besuch des Nebelwaldes (Yungas) im Nationalpark, berühmt für einen der weltweit größten Bestände an Riesenfarnen (Hellechos Gigantes).
Dschungel pur – im Reich der Riesenfarne (Hellechos Gigantes)
Darüber hinaus ging es am Sonntag auf eine entspannte Wanderung zu mehreren Aussichtspunkten auf einem Bergrücken. Die Trekkingtour mit dem Namen „Codo de los Andes“ führte zu uralten Trails (Wege) der Inkas, über welche diese vor Jahrhunderten Handel betrieben oder spirituellen Aktivitäten nachgegangen sind. Das damalige Wegenetz zog sich entlang der Hochgebirgsketten der Anden über tausende von Kilometern von Ecuador über Peru und Bolivien bis in den Norden Chiles und Argentiniens … beeindruckend!
Auf den Spuren der Inka – der „Codo de los Andes“-Trek
Ihr könnt euch sicher daran erinnern, daß wir Anfang Juni beim Besuch des Salar de Uyuni zufällig die Nordhorner Henning und Jacqueline mit ihrem Unimog getroffen hatten. Ein Wiedersehen war damals in Aussicht gestellt, zumal wir beide Richtung Osten und Brasilien unterwegs waren. Hier war es soweit! Mittlerweile waren wir sogar drei Fahrzeuge geworden, die sich hier in der Nähe von Samaipata auf dem Camping „La Bolivianita“ einfanden. Nadine und Elias aus Augsburg schlossen sich uns ebenfalls an – auch die beiden hatten wir bereits getroffen … damals in Uyuni an dem Hotel bei Ana, wo wir einige Nächte verbrachten.
Gemeinsam gingen wir auf die „Codo de los Andes“-Wanderung und verbrachten ein paar wunderbare Tage in der Idylle des Amboro Nationalparks. Da wir uns auf Anhieb gut verstanden und die gleiche Strecke vor der Brust hatten, entschieden wir kurzerhand, die kommenden 2-3 Wochen gemeinsam weiterzureisen … eine schöne Idee!
Zu dritt auf dem Campingplatz …… und im Konvoi nach Brasilien
Eine nette Truppe von temporären Reise-Buddies: v.l.n.r. Henning, Jacqueline, Elias, Nadine, Natalie und ich
So blieb in den Tagen hier genügend Zeit für Erholung von den Strapazen in der Höhe Boliviens und auf der Lagunenroute, für nette Gespräche an lauschigen Abenden in geselliger Runde und für gemeinsame Asados (Grillabende) an Hennings Outdoor-Grill am Unimog.
Es gibt auch schöne Insekten …Besuch einer …… bolivianischen KaffeeplantageGesehen … die eierlegende Wollmilchsau (vorne links)
Natalie zog sich auf der Tour zu den Riesenfarnen, während der es feucht und kühl war, eine ordentliche Erkältung zu, die sie bis heute begleitet. Auch ich wurde nicht verschont, mich erwischte jedoch kein Infekt, sondern ein Insekt … die Kriebelmücke … das krasseste Ungeziefer seit der Erfindung der Streckbank. Diese kleinen 2-4 mm kleinen Minifliegen, die aussehen, wie Fruchtfliegen sind der lebendige Horror. Kriebelmücken fliegen den Menschen geräuschlos an, ohne ein Gefühl von Berührung zu erwecken, und beißen dann blitzschnell zu: Mit ihren scharfen, Sägeblatt-ähnlichen Mundwerkzeugen ritzen sie kleine Löcher in die Haut ihrer Opfer, um ihr Blut zu trinken. Das ist nicht nur schmerzhaft, denn durch den giftigen Speichel der Kriebelmücken gelangen auch blutverdünnende Substanzen in die Wunde. In der Folge können allergische Reaktionen wie Rötungen, Schwellungen und sogar Blutergüsse auftreten. Der bestialische Juckreiz, den der Speichel des Insekts in der Wunde hinterlässt, dauert mittlerweile über eine Woche an, so daß ich gezwungen war, Kortisonsalbe zum Einsatz zu bringen, um der nächtlichen Kratzattacken Herr zu werden. Da ich die Viecher am ersten Tag nicht Ernst genommen habe, habe ich leider nicht nur ein paar, sondern hunderte von Bissen – überwiegend am unteren Bein … ehrlich, die Tortur wünscht man seinem ärgsten Feind nicht! Willkommen in den Tropen 😜
Das stolze und elegante Sucre – seit 1991 UNESCO Welterbestätte – ist Boliviens schönste Stadt und das symbolische Herz der Nation. Damit könnte ich diesen Beitrag eigentlich beenden, denn das Wichtigste ist gesagt … tue ich aber nicht 😉.
Bezaubernde koloniale Altstadt von Sucre!
Die KathedraleNobel – die Dienststelle …… der Nationalpolizei
In Sucre wurde 1825 die Unabhängigkeit ausgerufen, was im „Casa de la Libertad“ eindrucksvoll nachempfunden werden kann. Der Kampf um die Unabhängigkeit begann bereits 1809. Bolivien blieb jedoch spanische Kolonie, bis eine internationale Unabhängigkeitsarmee unter Antonio José de Sucre im Auftrag Simón Bolívars in eben jenem Jahre 1825 die Unabhängigkeit militärisch durchsetzte, woraufhin das Land nach Bolívar benannt wurde und die Stadt nach Sucre.
Im Casa de la Libertad …
… erfährt man alles über die Unabhängigkeit Boliviens
Währung La Paz als Regierungssitz und Finanzzentrum dient, ist Sucre in der Verfassung als Landeshauptstadt ausgewiesen. Der überaus hübsche und saubere Ort in einem Tal inmitten von umrahmenden Bergen mit weißgetünchten Häusern, die ebenso hübsche Innenhöfe beherbergen, hat sich glücklicherweise sein reiches Architekturerbe aus der Kolonialzeit bewahrt – es gibt strenge Regeln für die Stadtentwicklung! Sowohl die Stadt als auch die Universität gelten in Bolivien und darüber hinaus als Zentren progressiven Gedankenguts.
Kunterbunter …… Mercado CentralKulinarik pur 😜Exzellente Hamburger in der „Taller de Hamburguesa (Hamburger-Werkstatt“
Es wird behauptet, daß viele Besucher hier aufgrund des milden, angenehmen Klimas, der reichen Auswahl an Kolonialbauten und Museen sowie zahlreichen Sehenswürdigkeiten und Aktivitäten im Umland länger als geplant bleiben … wir (leider) nicht.
Das lag sicher nicht an Sucre und seinem Charme, den die Stadt vom ersten Moment an ausgeströmt hat. Es lag schlicht daran, daß wir in Potosi wegen der Arbeiten an Chop-Chop zu lange „verweilen“ durften und wir vor der Weiterreise nach Brasilien einen längeren Stop in einem der schönsten Nationalparks Boliviens, dem Amboro Nationalpark, geplant haben. So verbrachten wir hier zwei Nächte und nahmen uns einen ganzen Tag Zeit, um uns intensiv von der prachtvollen Altstadt, den schönen Plätzen, den informativen Museen und den kulinarischen Genüssen ein Bild zu machen.
José Antonio SucreSimón BolívarDie Unabhängigkeits- erklärungWandbilder vom Unabhängigkeitskampf
Von der Kuppel der Dienststelle der Nationalpolizei – direkt am wunderschönen „Plaza 25 de Mayo“ gelegen, hatten wir die beste Aussicht der Stadt und auch das Gebäude selber konnte mit imposanten Wandbildern von Boliviens Unabhängigkeitskampf und den beiden o.g. „Helden der Nation“ punkten.
Nicht fehlen darf bei einem Sucre-Besuch ein Eintauchen in die Zeit des Unabhängigkeitskampfes, welches am Intensivsten im wichtigsten Museum des Landes, der „Casa de la Libertad (Haus der Freiheit)“ nachempfunden werden kann. So blieb für uns im Anschluß am Nachmittag noch ausreichend Zeit für einen abschließenden Besuch des „Parque Simon Bolivar“, der grünen Lunge Sucres, in der wir den Kindern beim Spielen, den Schulklassen bei ihren Ausflügen und den Verkäuferinnen bei ihrer Arbeit zuschauen und erneut einen intensiven Eindruck von der Kultur, den Gewohnheiten und dem Leben der Menschen in Bolivien gewinnen konnten … ein rundum gelungener Tag bei herrlichem Wetter in einer tollen Stadt❗️
Betriebsamkeit der Verkäuferinnen …… im Parque Simon Bolivar
Die Kinder der Schulklassen sehen eher gelangweilt aus …
Nachdem wir nun in den vergangenen zwei Wochen eines der Highlights unserer Südamerika-Reise erleben durften, die Lagunenroute und den Salar de Uyuni, geht es für uns weiter gen Osten und vor allem weiter nach unten.
Ganz ehrlich – die Höhe hat vor allem Natalie ganz schön zu schaffen gemacht, weshalb sie sehr froh ist, daß es nun langsam vom Altiplano runter ins bolivianische Tiefland geht. Aber wie das so ist mit einem trockenen Hochplateau – es wird i.d.R. eingerahmt von Bergketten, die den Regen abhalten. Es galt demnach für uns, die östliche Kordillere, welche das Altiplano begrenzt, zu überwinden und demnach geht es vor dem Abstieg erst noch einmal final nach oben 😱.
Inmitten der östlichen Gebirgskette liegt auf gut 4.000 Metern Höhe eine der höchstgelegenen Großstädte der Erde überhaupt, die Kolonialstadt Potosi mit ihren rund 190.000 Einwohnern. Dorthin fuhren wir am Freitag von Uyuni durch eine imposante und wunderschöne Bergkulisse, die „Cordillera de los Frailes“.
Der „Silberberg“ Cerro Rico überragt Potosi
Die Konquistadoren des spanischen Kolonialzeitalters haben El Dorado, die legendäre goldene Stadt, die sie in Südamerika vermuteten, nie gefunden, dafür aber Potosi und seinen Hausberg, den Cerro Rico – einen „reichen Hügel“ voll mit Silber – in die Hände bekommen! Die Stadt wurde 1545 gegründet, kurz nachdem Erz entdeckt wurde und schon bald finanzierte das hier kurz danach entdeckte und geförderte Silber das gesamte spanische Königreich. Wenn etwas sehr lukrativ ist, bezeichnet man es in Bolivien heute noch als „Vale un Potosi“ – wertvoll wie Potosi …
Typisch für Potosi …… seine hängenden …… Balkone
Während der Blütejahre Potosis schienen die Metallvorräte schier unerschöpflich und machten die Stadt zur größten und reichsten Stadt des amerikanischen Kontinents. Als das Silber aufgebraucht war, begann jedoch ihr Niedergang und die Bewohner verarmten. Erz, Zinn, Blei und andere Mineralien werden jedoch bis heute gefördert, wobei die Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter katastrophal sind. Aufgrund des hohen Asbest- und Kieselerdestaubs in den Schächten, versterben die Minenarbeiter in aller Regel spätestens nach 10-15 Jahren, nachdem sie ihre Arbeit aufgenommen haben – im Durchschnitt mit 43 (!) Jahren …
Vor diesem Hintergrund mutet es fast makaber an, daß touristische „Minentouren unter Tage“ eine der Haupt-Attraktionen der Stadt sind – neben der Erkundung der reichen kolonialen Geschichte der Stadt, die in der Altstadt zu finden ist und durch die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste 1987 entsprechende Würdigung erfuhr. Folglich befaßten wir uns während unseres Aufenthalts ausschließlich mit der Erkundung des kolonialen Potosis.
Das koloniale Potosi besticht u.a. durch seine 33 Sakralbauten
In dem prachtvoll konstruierten „Museo y Convento de Santa Teresa“ – einem ehemaligen und nun als Museum umfunktionierten Nonnenkloster des Mittelalters, ließ sich wunderbar das harte und entbehrungsreiche Leben der Nonnen in den früheren Jahrhunderten nachvollziehen. Die Nonnen stammten ausschließlich aus wohlhabenden Familien und waren ausschließlich die zweitgeborenen Töchter dieser Familien. „Wohl dem, der als erstgeborene Tochter auf die Welt kam“, ging es mir nicht nur einmal durch den Kopf bei dem unmittelbaren Erleben der harten Bedingungen und dem leidvollen Leben in einem mittelalterlichen Kloster, welches die Nonnen von ihrem 15. Lebensjahr an bis zu ihrem Lebensende (!) zu führen hatten …
Der prachtvolle Bau der „Casa de la Moneda“
Ein weiteres imposantes Gebäude mit interessanter Geschichte ist das „Casa de la Moneda“, eine der ersten Münzprägefabriken des kolonialen Mittelalters in Südamerika und weltweit überhaupt. Hier wurden aus dem Silber des Cerro Rico Silbermünzen für die spanische Krone geprägt und mit spanischen Galeonen des 16. Jahrhunderts nach Europa verschifft. Die Galeonen segelten die südamerikanische Westküste entlang gen Norden und sammelten Gold- und Silbermünzen sowie andere Edelmetalle und Edelsteine mit dem Ziel Panama auf. In Panama wurde über den (kurzen) Landweg die wertvolle Fracht von der Pazifik- an die Karibikküste transportiert und durch dort wartende Galeonen nach Spanien verschifft – sofern ihnen die Piraten nicht einen Strich durch die Rechnung machten. Die diesbezügliche Historie Panamas hatte ich bei meiner Reise 2019 dorthin erleben dürfen, weshalb sich nun hier in Bolivien, einer der Quellen des Reichtums, für mich dieser historische Bogen schließt.
Münzprägung …… zur Kolonialzeit …… und nach der …… ersten industriellen …… Revolution
So verbrachten wir also das Wochenende hier in Potosi mit viel Geschichte und bolivianischer Kultur und Kulinarik. Vor Montag konnten wir unsere Reise Richtung der nächsten Kolonialstadt Sucre sowieso nicht fortsetzen, da die bisherigen rund 17.000 gefahrenen Kilometer hier in Südamerika sowie insbesondere die Lagunenroute ihre Spuren an unseren (Antriebs-)Vorderreifen hinterlassen haben. Folglich musste ich am Samstagvormittag den lokalen Reifenhandel sondieren, um zwei passende neue Vorderreifen zu finden – Bingo! Samstagvormittag mit Händen, Füßen, Google Translate und gebrochenem Spanisch bestellt, Sonntag geliefert und Montagvormittag montiert, justiert und ausgewuchtet … das nenne ich mal Effizienz …
Der Salar de Uyuni in den Anden im Südwesten Boliviens ist die größte Salzpfanne der Erde. An ihrer Stelle befand sich ein prähistorischer See, der austrocknete und eine wüstenartige, fast 11.000 Quadratkilometer große Landschaft (was mehr als viermal der Fläche des Saarlands entspricht) zurückließ, die von schneeweißem Salz, Felsformationen und kakteenbewachsenen Inseln geprägt ist. Diese unwirtliche Mondlandschaft haben wir u.a. von der im Zentrum gelegenen Insel Incahuasi aus beobachtet.
Fast schon surreal … die Isla Incahuasi mit ihren jahrhundertealten Kakteen der Art „Trichocereus cactus“
Einmalig – Sonnenuntergang mit Blick auf die Isla Incahuasi
Sonnenbrille, Kopfbedeckung, Sonnencreme und Kamera nicht vergessen – wird überall wärmstens empfohlen! Der riesige Salzsee im Altiplano, also im Hochland der Anden auf rund 3.700 Metern Höhe, fällt sofort durch das grelle Weiß des Salzes auf, welches sich über den Horizont zu erstrecken scheint. Da ich jedoch beim Fotografieren die Sonnenbrille abnehmen muss, um vernünftige Fotos machen zu können, schmerzten und tränten meine Augen am zweiten Tag ab dem Mittag höllisch.
Das reflektierende Licht ist so dermaßen grell, da schmerzen die Augen …
Fast vollkommen frei von Lebewesen, außer von einigen pinkfarbenen Flamingos ist der Salar de Uyuni ein unvergleichliches Naturspektakel, bei dem die Bilder, die wir gemacht haben, nicht einmal annähernd an die Realität heranreichen.
Neben dem gewaltigen Schauspiel, welches der Salar de Uyuni an sich darstellt, war das Spiel mit der Perspektive besonders interessant für uns. So haben wir leidenschaftlich experimentiert und Ideen entwickelt, wie die Lichtverhältnisse am Salar de Uyuni die Größenverhältnisse zu verändern scheinen und wie man dies interessant in Szene setzen kann. Beispielsweise scheint ein Mensch nur wenige Meter hinter einem anderen Menschen so klein zu sein, dass es aussieht, als würde er auf die Handfläche des vorderen Menschen passen. Spielzeugtiere wirken plötzlich wie Riesen, Chop-Chop scheint als Zwerg-Wohnmobil auf die Hand zu passen – es gibt unzählige kreative Möglichkeiten, um unvergessliche Bilder zu gestalten. Im Internet existieren zahlreiche Bilder von diesem Schauspiel und können problemlos von jedem in die (eigene) Realität umgesetzt werden – manchmal ist ein Wechsel der Perspektive ja auch gar nicht so verkehrt 😉.
Ein Perspektivwechsel ist manchmal garnicht so verkehrt 😁
Tagsüber herrscht eine besonders klare Luft am Salar de Uyuni, die zusätzlich für Faszination sorgt und einen außergewöhnlichen Blick auf den Salzsee freigibt. Der Salar de Uyuni sieht im ersten Moment wie ein riesiger zugefrorener See aus, doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich dieser Eindruck als Illusion. Trotz abgefahrener Reifen kam Chop-Chop beim Bremsen zumindest nicht ins Rutschen 😁 …
Salzabbau ist Knochenarbeit …
Die Indigenas bauen das Salz am Salar de Uyuni noch immer traditionell ab, eine Tätigkeit, die sehr viel Kraft und Durchhaltevermögen in der grellen Sonne erfordert. Die entstandenen Salzblöcke werden anschließend zu den jeweiligen Dörfern transportiert – bei geschätzten rund 10 Milliarden Tonnen Salz ist letztendlich ja wirklich ausreichend für alle da. Aufgrund der enormen Lithium-Vorkommen wird dieses ebenfalls hier abgebaut. Mit der jüngsten Ankündigung verfügt Bolivien nun über insgesamt 23 Millionen Tonnen Lithium. Davon befinden sich allein 21 Millionen Tonnen (!) im Salar de Uyuni. Damit beherbergt das Land mit rund 25% das größte Lithium-Vorkommen der Welt. Doch ihr geplanter Abbau könnte katastrophale Folgen für Mensch und Natur haben. Extremer Wassermangel, riesige Müllberge und ungeklärte Abwasserentsorgung sind nur einige der Probleme, mit denen die überwiegend indigene Bevölkerung durch den Abbau belastet wird. Laut Gesetz muss die Bevölkerung bei Großprojekten wie der Lithiumförderung im Vorfeld eingebunden werden. Machbarkeits- und Umweltstudien müssen die Auswirkungen auf Mensch und Natur prüfen. Die Regierung verweigert diesbezüglich bisher jedoch jegliche Information und China hat sich einen direkten Zugang bereits gesichert. Deshalb haben indigene Interessengruppen zusammen mit dem Dokumentations- und Forschungszentrum CEDIB Aufklärungskampagnen in ihren Landkreisen organisiert. Es darf bezweifelt werden, daß sich lokale Interessengruppen gegen globale finanzstarke Lobbyisten in einem Land wie Bolivien, wo Korruption an der Tagesordnung ist, behaupten können. Den indigenen Amazonasbewohnern im benachbarten Brasilien ist dies nicht gelungen, ihr Lebensraum wird seit Jahrzehnten systematisch zerstört. Doch das ist eine andere Geschichte, die zu gegebener Zeit zu erzählen ist.
Nach unserem dreitägigen Besuch der Salzpfanne steht für uns eins fest: Beim Salar de Uyuni handelt es sich um eine der eindrucksvollsten Sehenswürdigkeiten in Südamerika. Die extremen Farben, die grelle Sonne, die Höhe und die unglaubliche Einsamkeit machen diesen Flecken der Erde wirklich außergewöhnlich – insbesondere, wenn man das Privileg hat, ihn mit dem eigenen Wohnmobil zu erFahren …
Die Flaggen der Rallye …… Dakar im Jahr 2016Das Dakar-Monument …
… das war unser erster Gedanke, als wir am Dienstag unsere Tour auf den größten Salzsee der Welt – den Salar de Uyuni – starteten und beim Salzhotel Playa Blanca – übrigens ein Hotel, welches komplett aus Salz gebaut ist – standen und gerade weiter fahren wollten.
Was wir alles in den drei Tagen auf dem Salar erlebt haben, berichten wir im kommenden Beitrag. In diesem Beitrag soll es einfach noch einmal um unbeschreibliche Begegnungen und darum gehen, wie der Zufall (oder das Schicksal) solche eigentlich unmöglichen Begegnungen dennoch ermöglicht.
Ein Tag hat genau 86.400 Sekunden und Südamerika hat eine Fläche von rund 17.840.000 Quadratkilometern (!). Diese Werte muß man im Hinterkopf behalten, um die Wahrscheinlichkeit einzuschätzen, daß ein beklopptes Paar, wie wir, aus der schönen Stadt Nordhorn, das seit gut 5 Monaten durch Südamerika reist sich zu einem bestimmten Zeitpunkt von einigen Sekunden dieser 86.400 in genau dem gleichen Quadratkilometer der 17.840.000 aufhält, wie ein anderes Paar aus der gleichen schönen Stadt … für mich eine verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit!
Dennoch treten immer wieder Ereignisse mit verschwindend geringer Wahrscheinlichkeit ein und wir trafen an eben diesem Dienstag ein anderes Paar aus dem schönen Nordhorn mitten in Südamerika, in Bolivien, dem Salar de Uyuni, am Salzhotel Playa Blanca. Exakt 10.766 Kilometer vom Nordhorner Vechtesee entfernt. Verblüffend! Mehr fällt mir dazu nicht ein …
Der Zufall führt Menschen zusammen … überall auf der Welt …
Henning und Jacqueline reisen mit ihrem Unimog-Expeditionsmobil ebenfalls derzeit durch Südamerika, sind im März in Suriname gestartet und haben sich durch Brasilien Richtung Bolivien vorgearbeitet. Durch puren Zufall trafen wir uns also am vergangenen Dienstag, die Ungläubigkeit aber auch Freude war groß – ein Stück Heimat in der Ferne. Gekannt haben wir uns nicht, dennoch war man sich nicht fremd. Wahrscheinlich, weil man Gleiches tut, ähnliche Motivation und Antrieb hat. Beim Kaffee im Unimog hatten wir viel zu erzählen, die jeweiligen Erlebnisse und Erfahrungen haben sich in den vorangegangenen Monaten durchaus angehäuft. Wo kommt ihr her? Wo fahrt ihr hin? Wart ihr schon dort? Nein, aber dort! Oh, da wollen wir auch hin!
Auf die Freude ein Käffchen …… im Unimog von Henning & Jacqueline
Ruckzuck waren 3 Stunden vergangen, es hätten locker deutlich mehr werden können. Wir werden uns sicher noch öfter treffen, schließlich geht es nun in die gleiche Richtung, nach Osten an die brasilianische Grenze und dann ins Pantanal … da hat es der Zufall nicht ganz so schwer 😜 …
Am Donnerstagabend sind wir in Uyuni, der ersten größeren Stadt nach dem Grenzübertritt von Chile nach Bolivien am Sonntag, angekommen. Seit diesem liegen rund 400 Kilometer Extreme hinter uns, die sowohl Natalie und mir als auch Chop-Chop sehr viel Energie gekostet hat. Extreme Höhen, extreme Temperaturen, extreme Landschaften und auch extremes Befinden. Aber von vorne im Detail …
Grenzkomplex Hito Cajon …… an der bolivianischen Grenze
Nachdem wir am Sonntagnachmittag auf gerade einmal 22 Kilometern von 2.500 Höhenmetern auf 4.400 Höhenmetern gekraxelt sind, erreichten wir die chilenisch-bolivianische Grenzstation Hito Cajon. Die Straße stieg von San Pedro de Atacama kommend steil an. Auf der anderen Fahrspur kamen uns zahlreiche LKWs entgegen, die nur im kleinsten Gang und mit glühenden Bremsen den Abstieg meistern konnten … zahlreiche, teils ausgebrannte Wracks am Straßenrand waren Zeugnis davon, daß dieses Manöver in der Vergangenheit nicht jedem gelang.
Wie wir bereits bei der ersten Andenüberquerung beobachten konnten, nimmt Chop-Chops Leistungsfähigkeit ab etwa 3.500 Höhenmetern deutlich ab und zahlreiche Warnblinklichter gehen auf dem Armaturenbrett an. Insofern beunruhigte uns dieses Verhalten grundsätzlich nicht, jedoch hatten wir noch keine Erkenntnis, wie sich unser rollender Freund dauerhaft auf diesen Höhen mit zusätzlicher Belastung durch die herausfordernden Wellblechpisten schlägt … wir sollten es erfahren.
Grandioses Farbspiel …… der Pastell-Töne
Chop-Chop mitten auf der Lagunenroute …
Nach erfolgreicher und zügiger Ausreise aus Chile und Einreise nach Bolivien, schlugen wir unser Nachtquartier hinter einem Refugium direkt an der Grenze auf, um windgeschützter übernachten zu können … der Wind blies hier oben am späten Nachmittag kalt und heftig! Erstmals packten wir unser komplettes Winterpaket aus, wir rechneten mit Nachttemparaturen um die -10 Grad.
Waren es bisher Guanacos, die unseren Weg säumten, so sind es auf der Lagunenroute überwiegend Lamas, die diese Höhe und Vegetation lieben …
Am frühen Montagmorgen weckte uns gegen 3 Uhr ein Piepen … oh Schreck! Die Dieselheizung hatte es alleine nicht geschafft, die Temperatur am Sensor ausreichend hoch zu halten, so daß der Frostschutz ausgelöst und unseren Wassertank geleert hatte … toll! Naja, Improvisation ist eine Kunst, der Wassersparmodus für die nächsten Tage ausgerufen. Verblieben war uns wassertechnisch unser halb leerer 20L-Reservekanister sowie einige Flaschen „Agua sin Gas“ und Cola-Zero … was braucht man mehr 😜. Obwohl Wasser hier oben Mangelware ist, ließ mich die Verwalterin des Refugiums unseren Kanister auffüllen. Zwei zusätzliche Flaschen „Agua sin Gas“ gab sie uns obendrein …“nett die Leute hier“ dachten wir schon damals …
Mit 40 Liter Trinkwasser an Bord und um eine Erfahrung reicher ließen wir die Folgenächte nun BEIDE Heizungen laufen, Gas und Diesel. So ging es auf die erste Etappe der Lagunenroute. Gesundheitlich ging es uns so mäßig. Da wir uns nicht lange genug höhenakklimatisiert hatten, hatte Natalie starke, ich leichte Kopfschmerzen. Eine zunehmende Müdigkeit aufgrund des Schlafmangels – auch in den Folgenächten – kam hinzu. Das Fahren auf dieser Höhe und auf diesen Pisten erfordert Konzentration pur, nicht nur aufgrund der Bedingungen. Alleine ist man nämlich hier nicht. Regelmäßig donnern einem unangekündigt von hinten oder entgegenkommend die Jeeps der Tourenanbieter mit einer Höllengeschwindigkeit um die Ohren und ziehen eine Monster-Staubwolke hinter sich her, so daß man minutenlang nichts mehr sieht. Und wäre das alles nicht genug, verwandelt dieser Fahrstil die Pisten in gnadenlose Waschbrett-Pisten mit Geröll- und Schuttanhäufung in der Spurmitte, die größtenteils jenseits der Bodenfreiheit gängiger Fahrzeuge ist. Der Unterboden ist demnach permanent gefährdet. Das waren die Rahmenbedingungen, die dazu führten, daß wir beide bereits nachmittags und jeden Tag zunehmender geplättet waren.
Unzählige Touranbieter mit ihren Allrad-Jeeps…… hinterlassen minutenlange Staubwolken
Im Endeffekt kann ein normaler Mensch diese Strecke unter den genannten Bedingungen nicht länger als 4-5 Tage unfallfrei und ohne Gesundheitsgefährdung fahren.
Jetzt aber zu dem positiven Teil der Lagunenroute und zur Schilderung, warum diese Extremtour es trotz allem Wert ist, gefahren zu werden …
Die Laguna Colorada … alleine ein Grund, die Lagunenroute zu befahren!!!
Endstation des ersten Tages war die Laguna und der Salar Chalviri, die dritte Lagune der Lagunenroute. Die ersten beiden Lagunen, die Laguna Blanca und die Laguna Verde bekommt man bereits kurz nach der Grenze zu Gesicht. Ich verzichte darauf, hier Superlative für die extrem schönen und einmaligen Landschaften zu bemühen, um zu versuchen, zu beschreiben, wie fesselnd die 300 Kilometer Lagunenroute hier oben ist. Schaut euch einfach die Fotos an, dann wißt ihr, was ich meine.
Die Laguna Verde …
… vom Mirador aus in ihrer ganzen Schönheit (links Laguna Verde, rechts Laguna Blanca)
Die Laguna Blanca …
… ist dagegen eher schlicht
An der Laguna Chalviri mit ihrem Salar de Chalviri gibt es mitten im Nichts ein Thermalbecken, in dem man sich bei 40 Grad Wassertemperatur von den Strapazen erholen kann … das haben wir ausgenutzt – mit Blick auf Laguna und Salar …
Chillen im 40 Grad warmen Thermalbecken …… mit Blick auf die Laguna und …
,,, den Salar de Chalviri
Am Dienstag ging es weiter zum höchsten Punkt der Lagunenroute, dem „Sol de Mañana“ genannten Geysirgebiet auf 4.800 Höhenmetern und anschließend zum Höhepunkt der Lagunenroute, der pinkfarbenen Laguna Colorada mit ihrer zahlreichen Flamingo-Population.
Geysire …… und Fumarolen …… bei der ArbeitÜberall dampft …… blubbert …… und stinkt es 😉
Der Mittwoch führte uns in die faszinierende Steinwelt des „Valle de Rocas“ und hielt zum Abschluß einen spektakulären Blick auf den „Cañon de Anaconda“ für uns bereit.
Was roter Vulkanstein formen kann, …… sieht man im Valle de RocasWir trafen u.a. einen Frosch …… einen Menschen …… eine Eule …… eine Schlange …… und einen Bären! 😂
Am Donnerstag besuchten wir letztlich das indigene Dörfchen San Cristóbal, wo wir Chop-Chop eine wohlverdiente Komplettwäsche zukommen ließen. Anschließend ging es auf teil-asphaltierter Strasse (!) die letzten 100 Kilometer Richtung Uyuni …
Spektakulärer Blick in den …… Cañon de Anaconda
Nach diesem Höllenritt war es nur logisch und notwendig, daß wir uns in Uyuni erst einmal erholen und im neuen Land akklimatisieren wollten. Es fiel uns demnach leicht, uns von Donnerstag bis Montag 4 Nächte auf dem Hof eines Hotels einzuquatieren, auf dem wir alle Annehmlichkeiten vor Ort hatten und auf dem wir zudem nicht die einzigen Overlander waren. Naja, was für uns Annehmlichkeiten sind, ist für andere Reiseformen Basisausstattung … heiße Duschen, Toiletten, schnelles WLAN, bequeme Sitzecken, fließendes Trinkwasser, Müllentsorgung und – ganz wichtig – soziale Kontakte! Kurz gesagt: wir durften im Wohnmobil auf dem Hotelgelände campen und die Hotelausstattung mit nutzen – mega!
Ana, die bolivianische Hotelchefin empfängt neben Hotelgästen nämlich auch Durchreisende mit eigenem Gefährt mit einer selbstverständlichen Offenheit, Freundlichkeit und Wärme, daß es einem die Sprache verschlägt. Versuche mal in Deutschland an einem der besseren Hotels der Stadt, in der Du gerade ankommst, anzufragen, ob Du vor ihrer Tür stehen und übernachten, Campingtisch und -stühle auspacken, kochen und die Hotelausstattung mit nutzen darfst …
Aber das Beste kommt noch: Ana erwähnte abschließend, daß sie dafür keinen festen Preis nehme, sondern der Gast selber entscheiden dürfe, was er dafür zahlen möchte – der Hammer!
Welcome to Uyuni!
In Uyuni selber gibt es recht wenig zu sehen. Die Stadt dient primär als logistisches Zentrum und Basislager für Touristen, die in den nahe gelegenen spektakulären Salar de Uyuni, den größten Salzsee der Welt, reisen oder sich eben auf die – genau – Lagunenroute Richtung Chile begeben wollen. Hatten wir auf den Tagen zuvor zwar formal Bolivien betreten, wurde uns hier in Uyuni erst so richtig klar, daß wir uns in einen komplett andersartigen Kulturkreis begeben hatten!
Herzstück Uyunis – der ClockTowerZüge spielen eine zentrale Rolle in Uyuni
Uyuni selber hat den morbiden Charme einer staubigen, dreckigen und zerfallenen postapokalyptischen Kleinstadt. Es hätte uns nicht gewundert, hätte an der nächsten staubigen Ecke ein Kamerateam gestanden, um passende Szene zu „Mad Max 3“ abzudrehen 😂. Das jedoch sind Äußerlichkeiten und die interessieren uns, wie ihr wißt, so gut wie gar nicht …
Farbenfroher „Mercado Central“ in Uyuni
Findet man nach einem ersten Streifzug durch die Stadt Zugang zu seinen Menschen, erkennt man sehr schnell, daß man sich nicht mehr in einem moderneren Land mit (süd-)europäischen Standards, wie Argentinien oder Chile, befindet, sondern im richtigen Lateinamerika angekommen ist! Dies betrifft im Prinzip alles. Doch trotz der vordergründigen Tristesse der Lebensumgebung sehen wir so viele freundliche, uns zugewandte, an uns interessierte und hilfsbereite Menschen, die zudem noch fest in ihrer Tradition verankert sind und diese in ihrer Kleidung und ihrem sozialen Verhalten für uns deutlich erkennbar mit Stolz präsentieren. Dabei haben diese Menschen im besseren Fall wenig. Die Armut ist am Warenangebot und dem Preisniveau deutlich erkennbar – das Preisgefüge hat sich im Vergleich zu Chile drastisch reduziert. Beispiel? Kostete ein Restaurantbesuch in Chile für zwei Personen inkl. Getränke und ohne Trinkgeld mindestens europäische 50-60 Euro, zahlt man hier für ein üppiges Mahl all-in keine 15 Euro – inkl. Trinkgeld!
Vom Mercado direkt auf den Strassengrill … lecker …Dazu eine bolivianische LimonadeAuch in Bolivien ist Fleisch …… das Grundnahrungsmittel!
Wir haben dieses Land und seine Menschen bereits nach dieser kurzen Zeit in unser Herz geschlossen und freuen uns auf die vielen Erlebnisse, Erfahrungen und Begegnungen in den kommenden 4-5 Wochen, in denen wir von West nach Ost durch Boliviens Süden Richtung brasilianische Grenze reisen.
Kommt gerne mit auf diesen neuen, spannenden Reiseabschnitt …