Abenteuer Bolivien

Nachdem wir nun 3 Tage in San Pedro de Atacama verbracht haben, um uns an die Höhe anzupassen, geht es für uns am heutigen Sonntag von 2.500m Höhe endlich zur bolivianischen Grenze „hoch“ auf gut 4.200m Höhe. Wir verlassen Chile – ein wirklich faszinierendes Land, was wir so vor der Reise gar nicht in dem Ausmaß vermutet hatten …

Wir wären nicht wir, wenn wir diese 3 Tage nur gechillt hätten. Dafür gibt es in San Pedro de Atacama, dem chilenischen Mekka des Wüstentourismus, viel zu viel zu sehen und zu entdecken. Wir haben jedoch versucht, unser Programm der Unternehmungen mit der Notwendigkeit der Höhenakklimatisierung zu kombinieren. So verbrachten wir die gestrige Nacht nach dem Besuch farbenfroher Lagunen mit Flamingos, Guanakos und wilden Eseln, Canyons mit idyllischen Bächen und kakteenbestandenen Hügeln rund 30 km nördlich von San Pedro de Atacama auf knapp 4.000m Höhe. Für uns auch eine gute Möglichkeit, uns, Chop-Chop sowie alle notwendigen technischen Geräte auf Höhentauglichkeit hin final zu checken … 

Die Guanakos sind soooo süß …

Ein Besuch in San Pedro de Atacama wäre zudem unvollständig, würde man nicht mindestens einen halben, besser einen ganzen Tag inkl. Sonnenuntergang im „Valle de la Luna“, dem vor den Toren der Stadt liegenden „Mondtal“, verbringen! Das Valle de la Luna ist nach den mondähnlichen Landschaftsformen und roten Felsformationen benannt, die Wasser und Wind seit Jahrtausenden gestalten. Die fast schon außerirdische Schönheit der zerklüfteten Felsen, der riesigen Sanddünen und dramatischen Aussichtspunkte ist schlicht atemberaubend. Gekrönt wird dieses Erlebnis durch den abendlichen Sonnenuntergang, dem Scharen von Touristen an zahllosen Orten beiwohnen. Wenn die Sonne hinter dem Horizont versinkt und die Mondlandschaft verwandelt, erstrahlt das anmutende Tal in einem Feuerwerk aus unbeschreiblich schönen Purpur-, Pink-, Orange- und Goldtönen … traumhaft …

Die Vulkan-Kordillere an der bolivianischen Grenze … da müssen wir hin …
Duna Major … höchste Dühne im Valle

Mit diesen Erlebnissen im Gepäck begeben wir uns heute also zur Grenze und betreten ein neues Land auf unserer Südamerika-Reise – Bolivien!

Bolivien – wir kommen!

Keine Zeit, um Luft zu holen … im wahrsten Sinne des Wortes. Die Luft ist hier oben so dünn, daß einem das Atmen schwer fällt. Das geht nicht nur uns so, sondern auch Chop-Chop, dessen Leistungsfähigkeit ab- und dessen Sprit-Durst aufgrund der Höhe und der Pisten rasant zunimmt. 

Gleich hinter der Grenze beginnt sie dann – die berühmt-berüchtigte Lagunenroute, Traum aller Offroad-Fahrer. Nun, Offroad-fähig ist Chop-Chop schon, Allrad-fähig dagegen weniger. Sie soll aber auch ohne 4×4 machbar sein … we will see …

Die Lagunenroute – die rote Strecke fahren wir die nächsten 5 Tage …

Eine gute Vorbereitung und Planung ist für eine erfolgreiche Fahrt über die Lagunenroute von San Pedro de Atacama in Chile nach Uyuni in Bolivien unabdingbar. Angefangen bei den Lebensmittel- und Wasservorräten, den Kraftstoff- und Gasreserven, über die Sicherstellung der Fahrfähigkeit des Fahrzeugs (Reserverad, Wagenheber, Sandbleche, Schaufel, Bergegurte, usw.) bis hin zu einem Plan B bei eintretender Höhenkrankheit muss an alles gedacht werden, an alles!

Beispiele? Bitteschön …

Die Route verläuft über das bolivianische Altiplano in üblicherweise 4 Tagen über epische Wellblechpisten rund 350 Kilometer durchgehend oberhalb von 4.000 bis an die 5.000 Höhenmeter bei nächtlichen Temperaturen von -10 bis -15 Grad durch eine atemberaubende Vulkanlandschaft. In dieser Extreme soll möglichst die Heizung funktionieren, sonst friert der Wassertank und auch alles andere an Flüssigkeit ein, mit verheerenden Folgen – Verlust des Trinkwasservorrats. Deshalb redundante Heizungsauslegung: primär höhentaugliche Dieselheizung, sekundär Truma Gas-Therme, die nur mit vollen Gastanks 4 Tage arbeitet. Zweitens: In Südamerika gibt es keinen Winterdiesel, der Kraftstoff wird in dieser Umgebung und dieser Kälte versulzen, ein Starten am Morgen unmöglich. Sicher, man kann warten, bis die Mittagssonne den Tank aufgewärmt hat oder in weiser Voraussicht Fliessverbesserer aus Deutschland mitnehmen. Drittens: Wir kühlen seit Reisebeginn mit einem Absorberkühlschrank und primärem Gasbetrieb, da 12V nur bei laufendem Fahrzeug möglich und 220V für uns als Freisteher oft nicht verfügbar ist. O-Ton der Betriebsanleitung: „Über einer Höhe von ca. 1000 m über NN können beim Zünden des Gases physikalisch bedingt Störungen auftreten (Keine Fehlfunktion!)“. Sehr lustig! Unser Absorber-Kühli spinnt – physikalisch bedingt, wohl gemerkt, seitdem wir Meereshöhe verlassen haben. Hier auf 2.500m macht er gar nix mehr. In weiser Voraussicht haben wir uns in Santiago vor ein paar Wochen eine Kompressor-Kühlbox zugelegt, die jetzt im Einsatz ist und schnurrt, wie ein Kätzchen 😁. Unser Absorber-Kühli dient nun als Vorratskammer 😂.

Fazit: Zwei Dinge helfen bei solchen Extremtouren ungemein: Redundanz und vorausschauendes Denken, Recherchieren und Planen … was wäre, wenn … die Frage stellen wir uns sehr oft …

„Lohnen sich die Mühen und die (trotz allem verbleibenden) Risiken?“, wird sich der eine oder andere Leser dieser Zeilen vielleicht fragen … ohne jeglichen Zweifel!

Warum die Lagunenroute all die Vorbereitung, Planung und den finanziellen Einsatz Wert ist, erfahrt ihr in unserem nächsten Beitrag im neuen Format „Eine Woche mit uns … auf der Lagunenroute“ sobald wir Ende nächster Woche in Uyuni sind … Freut euch darauf! 

Sonnenuntergang im Valle de la Luna

Ab in die Wüste

Wie seit einigen Tagen angeteasert, befinden wir uns auf dem Weg in Chiles Norden auch auf dem Weg in eine Wüstenregion, der Atacama.

Die Atacama-Wüste

Die Atacama-Wüste, kurz Atacama, erstreckt sich entlang der Pazifikküste Südamerikas zwischen dem 18. und 27. Breitengrad Süd, also in etwa zwischen den Städten Tacna im Süden Perus und Copiapo im Norden Chiles, über eine Distanz von rund 1200 Kilometern. 

Die Atacama ist eine Küstenwüste und die trockenste Wüste der Erde außerhalb der Polargebiete. In ihrem zentralen Bereich besteht schon seit wenigstens 15 Millionen Jahren ein hyperarides Klima. Es gibt Orte, an denen jahrzehntelang kein Regen registriert wurde, mit durchschnittlichen jährlichen Niederschlagshöhen von nur 0,5 mm. Ihr südlicher Bereich zwischen dem 24. und 27. Breitengrad blieb deswegen bis in die jüngere geschichtliche Zeit hinein völlig unbesiedelt. So fuhren auch wir auf der Panamericana oft stundenlang gen Norden, ohne eine einzige Ortschaft zu durchqueren.

Aufgrund des extrem trockenen Wüstenklimas sind mehrere große Sternwarten auf den Bergen in der Wüste errichtet worden. Auf dem Berg Cerro Paranal – 120 km südlich der Hafenstadt Antofagasta – hat die Europäische Südsternwarte das Paranal-Observatorium errichtet. Leider ist dieses für Besucher nur samstags zugänglich. Da wir bereits am Dienstag hier entlang kamen, passte ein Besuch leider nicht in die Planung … schade!

Wir kamen nur bis zum Tor: auf dem Berg Paranal die europäische Südsternwarte

Auffällig entlang der Hauptschlagader Chiles, der Ruta 5, sind die zahlreichen riesigen Industriekomplexe der Montanindustrie und die oft gesichtslosen Arbeiter-Siedlungen mit Zweckbauten und wenig Historie oder Sehenswertem. Die riesigen Vorkommen von Lithium, Kupfer, Silber, Gold und Platin bilden eine der Wirtschaftsgrundlagen Chiles. Hier werden zudem die größten Lithiumvorkommen der Welt vermutet.

Das kalte Meerwasser des Humboldt-Stroms bedingt, daß die Atacama kühl ist und insbesondere in Küstennähe oft Nebel vorherrscht, weshalb die Atacama auch zu den Nebelwüsten gehört. In Netzen, den Atrapanieblas, wird Küstennebel an Berghängen in der Atacama aufgefangen, der zur Wassergewinnung dient. In Chile laufen hierzu mehrere Pilotprojekte. Der Küstennebel ist auch die Lebensgrundlage der küstennahen Flora und Fauna, wie im von uns besuchten Parque Nacional Pan de Azucar wunderbar zu beobachten.

So machten wir in der letzten Woche seit dem Besuch des Valle de Elqui überwiegend Strecke. War es im Süden Chiles die „Ruta del Mar“ der wir folgten, so ist es hier im Norden die „Ruta del Desierto“, die Wüstenroute, an der wir Orte, wie Copiapo, die Mina San José, die wunderschönen Wüstenstrände an der Bahia Inglesa, die Nebelwüsten im Parque Nacional Pan de Azucar, den Fischerort Taltal, die Hafen- und zweitgrößte Stadt Chiles, Antofagasta, Calama und San Pedro de Atacama kennenlernten oder kennenlernen werden. Denn von Calama führt uns die „Ruta del Desierto“ heute an die bolivianische Grenze, nach San Pedro de Atacama, wo wir Anfang der kommenden Woche sukzessive auf Höhen von 4.000 – 5.000 m in das Altiplano Boliviens fahren werden, um auch uns den Traum eines jeden Südamerikareisenden mit dem eigenen Fahrzeug zu erfüllen – die Lagunenroute!

Entlang der „Ruta del Desierto“ bis an die bolivianische Grenze

Was sich so idyllisch anhört, ist jedoch alles andere als das, sondern Abenteuer pur:

  • Keine Straßen, nur Pisten
  • Keine Tankstellen
  • Keine Lebensmittel oder Wasser
  • Kein Internet, keine Telefonie
  • Extreme Höhe für Mensch und Maschine
  • Einsamkeit, egal, was passiert

Warum man dennoch eine der abenteuerlichsten Strecken dieser Welt unbedingt (er-)fahren will, erfahrt ihr in einem der kommenden Beiträge … stay tuned 😁

Los 33

Heute war einer dieser Tage, an denen einem klar wird, warum Reisen eine so wunderbare Beschäftigung für das Herz, die Seele und den Intellekt ist. An solchen Tagen wird uns ganz besonders intensiv bewußt, daß das, was wir hier tun und erleben, genau richtig ist und wir mit viel Demut diese wunderbaren Länder bereisen und ihre herzlichen Menschen kennenlernen dürfen!

Einer dieser herzlichen Menschen ist Jorge (ja, schon wieder 😁), mit Nachnamen Galleguillos. Seines Zeichens ehemals angestellt als „Maestro Servicio“ in der Mine San José in der Atacama-Wüste – bis zum 5. August 2010 / 13.40 Uhr. An diesem Tag änderte sich für ihn alles – und für 32 seiner Kollegen „unter Tage“. Die Mine, in der Kupfer und Gold abgebaut wurde, kollabierte und er und seine 32 Kumpanen, die „Los 33“, wie die verschütteten Männer genannt wurden, waren in 750 Metern Tiefe eingeschlossen – aber alle lebten … noch.

Wer kann sich nicht noch an die weltweite sensationshungrig aufbereitete Berichterstattung erinnern, die uns die darauf folgenden 69 Tage in den Schlagzeilen und diversen TV-Formaten begleitete? Für Jorge, seine Kumpanen und ihren Angehörigen ging es in diesen knapp 10 Wochen nicht um Einschaltquoten, Umsatz und Marktanteile, sondern schlicht ums nackte Überleben und für ihre Angehörigen um den Kampf um Väter, Söhne und Ehemänner.

33 Fahnen wehen für „Los 33“ … 32 Chilenen und 1 Bolivianer … Natalie musste die Bolivien-Fahne „reparieren“

Erst nach 17 Tagen erfuhren die Bergungsteams, daß dort tief unter der Erde überhaupt Menschen überlebt hatten und es ein lohnendes Ziel gibt. Historisch der Zettel, der am 21. August 2010 die Menschen an der Erdoberfläche erreichte mit der Nachricht „Estamos bien en el refugio los 33“ (Es geht uns 33 gut in unserem Schutzraum) …

Die Mine San José stand plötzlich im Fokus der weltweiten Öffentlichkeit, Milliarden von Menschen fieberten vor den Fernsehern bei der größten Rettungsaktion der Menschheitsgeschichte mit. Aufgrund des gewaltigen Drucks der Öffentlichkeit übernahm die Regierung die Rettung, das Unterfangen kostete geschätzte 20 Mio. US$. Internationale Bohrteams wurden angefordert, Experten von der NASA und mehreren internationalen Konzernen waren behilflich.

Am 13. Oktober 2010 wurde während des live im Fernsehen übertragenen Finales, das fast 24 Stunden dauerte und bei dem geschätzt eine Milliarde Menschen weltweit vor den Bildschirmen zuschauten, der letzte der 33 Männer durch einen engen Schacht mit einer speziell angefertigten Rettungskapsel befreit.

Während sie unter der Erde eingeschlossen waren, wurde das Leid der „Los 33“ zu einer Seifenoper, über die rund um die Uhr berichtet wurde. Nach 69 Tagen in der Dunkelheit in den Tiefen der Erde fanden sich die Männer im Rampenlicht wieder. Im Wembleystadion jubelten ihnen Fußballfans zu, sie jetteten nach Disneyland, wo alle Kosten für sie übernommen wurden. Sie wurden mit Geschenken und Geld überhäuft und nach New York geflogen, um von David Letterman interviewt zu werden. Über das, was danach kam, sprach kaum noch jemand. Körperliche und psychische Probleme von traumatisierten Menschen sind halt wenig quotenwirksam. Ein paar Jahre nach dem Vorfall hatten die meisten der „Los 33“ Probleme, Arbeit zu finden. Einige kehrten in die Minen zurück. Es war nur ein kurzer Ruhm und die Männer wurden für ihr Leid kaum entschädigt, obwohl es ihre Geschichte bis nach Hollywood schaffte (2015, Film „69 Tage Hoffnung“ mit Antonio Banderas).

Viven – sie leben …

Da stand einer dieser „Los 33“ – Jorge Galleguillos – heute neben uns. Ergreifend schilderte er uns Details dieser für ihn traumatischen Erlebnisse. Dennoch, er hat sich mit dem Leben danach arrangiert und ist der Einzige der „Los 33“, der tagtäglich hier vor Ort seines Traumas eine Berufung gefunden hat. Für uns ein wahrer Held, ein Mensch, vor dem man großen Respekt haben muß. Natalie war tief berührt von den heutigen Erlebnissen. Eine Erfahrung, die auch uns erneut demütig gemacht hat vor dem Leben und dem Schicksal, welches für uns bestimmt ist und welches keiner von uns vorhersehen kann …

Heute erzählte Jorge Galleguillos uns seine Geschichte aus seiner Perspektive

Sternenhimmel

Wer, wie ich, in den 80er Jahren aufgewachsen ist, wird die Musikstilrichtung der „Neuen deutschen Welle“ und das Lied von Hubert Kah – „Sternenhimmel“ – sicher kennen.

Im Text heißt es:

„Mit dir in der Südsee stehn
In den Abendhimmel sehn
Oh guter Mond am Firmament
Spür wie meine Sehnsucht brennt

Ich seh den Sternenhimmel
Sternenhimmel
Sternenhimmel, oh oh
Ich seh Sternenhimmel
Sternenhimmel
Sternenhimmel, oh oh“

Südsee hatten wir bereits vor Monaten auf der Osterinsel und konnten auch dort in klaren Nächten bereits einen grandiosen Sternenhimmel sehen. Das ist jedoch nichts im Vergleich zu den Voraussetzungen zur Sternenbeobachtung hier im Elqui-Tal! Nirgends auf der Welt – außer in der Atacama-Wüste, der wir als Nächstes einen Besuch abstatten – ist die Nacht so dunkel und die Lichtverschmutzung so gering, weshalb sich hier ideale Bedingungen für die Astronomie bieten …

Nicht umsonst gibt es demnach hier im Valle de Elqui zahlreiche Observatorien, die meisten für wissenschaftliche Zwecke. Highlight der (touristischen) Sternengucker und größte Attraktion des Elqui-Tals ist jedoch das rein auf touristische Zwecke ausgerichtete Mamalluca-Observatorium in Vicuña. Hier wollen – vor allem in den Sommermonaten – Horden von Touristen einen Blick durch das 2 Meter lange Teleskop mit 30 cm Durchmesser auf entfernte Galaxien, Sternenhaufen und Nebelflecken werfen. Das hieß für uns, daß der gestrige Abend verbucht war für einen tiefen Blick in unser Universum.

2 Meter lange Optik-Power mit 30 cm Durchmesser … beendruckend!

Glücklicherweise sind die Sommermonate passé und wir waren in stockdunkler Nacht mit nur 6 weiteren Besuchern in der ersten Abendgruppe. Zu Beginn wird man in einer rund 1-stündigen Planetarium-Show auf das eingestimmt, was einen erwartet – vorausgesetzt, man versteht Astronomieterminologie in spanischer Sprache … wir nicht!

Egal, dachten wir uns. Und ich dachte mir, wenn man schon nix versteht, kann ich wenigstens die schönen Planetenprojektionen in der Kuppel fotografieren. Schaut selbst …

Es kam aber noch frustrierender. Tagsüber war es zwar sonnig, am Abend zogen aber Schleierwolken genau über die Sternzeichen am Firmament, die am heutigen Tage die intensivste Erfahrung versprachen. Toll! So blieb uns der etwa halbe Mond – immerhin. Darüberhinaus der eine oder andere Stern in blau, orange oder gelb, rund oder oval und auch mal zwei nebeneinander. Gut, mit viel Fantasie oder den passenden Kontaktlinsen konnte man das sicher erahnen, mir blieb diese Erfahrung leider verwehrt. Vielleicht lag das aber auch daran, daß ich statt (passender) Kontaktlinsen meine Brille auf hatte 😜. Galgenhumor halt!

Nach 2 Stunden war das Spektakel vorbei und wir keinen Deut schlauer oder beeindruckter … obwohl, das stimmt nicht ganz. Der extrem nahe Blick auf die Oberfläche des Mondes war dann doch eine Erfahrung, die in Erinnerung bleiben wird … wie bereits Hubert Kah erkannte:

„Oh guter Mond am Firmament – Spür wie meine Sehnsucht brennt“

Pisco Sour

Diese Abwandlung des Whiskey Sour ist das aus Traubenmost destillierte Kultgetränk in Peru und Chile, wo es viele Pisco-Brennereien gibt. Aus eben diesem Pisco-Brandwein wird durch Zugabe von Zitronensaft, Zucker und geschlagenem Eisweiß der leckere Pisco Sour angerührt.

Nachdem wir die chilenische Zentralregion rund um Santiago, Valparaiso und Viña del Mar mittlerweile verlassen haben, sind wir weiter zwischen Pazifik und Anden Richtung Norden gefahren – Ziel: der Großraum La Serena / Coquimbo und das Elqui-Tal.

Das 1544 gegründete La Serena ist Chiles zweitälteste Stadt und einer der größten Küstenorte des Landes. Im historischen Zentrum finden sich eine Vielzahl an kolonialen Kirchen, Palästen und Häusern inmitten zeitgenössischer Architektur. Für uns allemal Grund genug, einen entspannten Nachmittag durch die Gassen La Serenas zu schlendern.

Das östlich von La Serena liegende Valle del Elqui erscheint wie eine andere Welt. Als willkommener Kontrast zu den weitgehend trockenen Landschaften des Norte Chico ist das üppig-grüne Tal Heimat der besten Pisco-Brennereien Chiles und ein berühmtes Ziel für Sternengucker, dazu aber mehr im nächsten Beitrag.

An jeder Ecke taucht hier im Tal der Name Gabriela Mistral auf. Geboren in Montegrande ist die Literatur-Nobelpreisträgerin von 1945 eine Tochter des Elqui-Tals. Der Stolz der ganzen Region auf die erste Schriftstellerin Lateinamerikas und die erste Frau der ibero-amerikanischen Welt, die diese Auszeichnung erhielt, ist hier allgegenwärtig. 

Widmen wir uns hier intensiver dem Pisco. Hier in der Kleinstadt Vicuña mit ihren sehenswerten Adobe-Häusern und mitten im Elqui-Tal gelegen, bot sich uns eine exzellente Gelegenheit, eine der zahlreichen Pisco-Brennereien zu besuchen und den Herstellungsprozess im Rahmen einer Tour zu besichtigen. Das haben wir uns natürlich nicht nehmen lassen, die Verkostung überließen wir jedoch den anderen Tourteilnehmern 😜.

Route der Sterne – die Ruta 41 führt ins Elqui-Tal zu den Pisco-Brennereien und Observatorien … daher der Name …

Ein wenig Hintergrund zum Pisco: Dieser Traubenbrand wurde von spanischen Siedlern im 16. Jahrhundert entwickelt und ist ein aromatischer, fruchtiger und starker Weinbrand aus Muskatellertrauben. Neben dem Genuß als Cocktail (Pisco Sour) wird Pisco auch gerne pur als Aperitif oder als „piscola“ mit Coca Cola genossen.

Na dann mal Prost!

Pinochet

Eine Reise durch Chile wäre unvollständig, würde man sich nicht auch mit seiner Geschichte beschäftigen, insbesondere mit der jüngeren Geschichte nach der Unabhängigkeit von Spanien ab 1818, der Wahl des weltweit ersten demokratisch gewählten marxistischen Präsidenten Salvador Allende 1970 und dem Militärputsch vom 11. September 1973, der einen gewissen Augusto Pinochet an die Macht brachte.

Widerstand und Meinungsäußerung durch Street-Art – in der Welthauptstadt des „Arte Urbano“ – Valparaiso – in fast jeder Gasse zu finden …

Wo kann man sich zudem besser mit diesem dunklen Teil der chilenischen Geschichte – der Militärdiktatur unter Pinochet – auseinander setzen, als hier im so wunderbar chaotischen und einmaligen Valparaiso, dem zentralen Ort chilenischen Widerstands zur Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit, Demokratie und Freiheit. Wie wir bei der heutigen Free-Walking-Tour von unserem Guide erfahren haben, ist die chilenische Geschichte der Zeit nach Allende in der Bevölkerung kaum bekannt, ebenso die unbeschreiblichen Greueltaten, die in den 17 Jahren der Militärdiktatur geschehen sind.

Am besagten 11. September 1973 inszenierte der damalige Innenminister Augusto Pinochet einen Militärputsch und forderte Allendes Rücktritt. Dieser weigerte sich jedoch, seinen Posten zu verlassen. Daraufhin befahl Pinochet der Armee, den Präsidentschaftspalast La Moneda zu bombardieren, in dem sich Allende mit seiner Familie und engsten Vertrauten befand. 

Während des Gefechts beging Allende in der Moneda Selbstmord. Innerhalb von Stunden besetzte Pinochets Militär sämtliche Institutionen. In den Tagen nach dem Putsch spürte das Militär die Anhänger Allendes auf und verhaftete sie. Im Nationalstadion der Hauptstadt wurden Tausende von Häftlingen festgehalten und teilweise an Ort und Stelle ermordet.

Die ehemalige Haftanstalt Càrcel – heute als Museum und Kulturzentrum Valparaisos eindrucksvolles Mahnmal der Pinochet-Diktatur

Viele Chilenen hofften zwar, dass es nach dem Putsch bald wieder zu freien Wahlen kommen würde. Pinochet blieb jedoch bis 1989 an der Macht und wurde einer der gewalttätigsten Diktatoren in der Geschichte Lateinamerikas. Er machte Allendes Politik rückgängig, etablierte eine freie Marktwirtschaft und weitere tiefgreifende Veränderungen. Der Diktator eliminierte den Kongress, verbot linke Parteien und fast alle politischen Aktivitäten. Oppositionelle wurden brutal unterdrückt und ermordet. 

Der Nationale Geheimdienst (Dirección de Inteligencia Nacional, DINA) hielt politische Gefangene in verschiedenen Teilen des Landes in Haft- und Folterzentren fest, darunter auch die deutsche Gemeinde Colonia Dignidad. Ungefähr 35.000 Menschen wurden in den 17 Jahren der Diktatur gefoltert oder ermordet. Weitere 3.000 Personen gelten bis heute als vermisst. Sie werden als Desaparecidos bezeichnet. Angehörige wissen teilweise bis heute nicht, was mit ihnen passiert ist. Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass sie vom Geheimdienst verhaftet oder entführt und anschließend ermordet wurden.

Valparaiso – eine wunderbar schräge, chaotische und einzigartige Stadt am Pazifik

Noch bevor Pinochet im Jahr 1990 nach den in 1989 statt gefundenen ersten freien Wahlen seit fast 20 Jahren, bei denen sich der Christdemokrat Patricio Aylwin durchsetzte, den Präsidentenpalast verließ, baute er diverse Klauseln in die Verfassung ein, die ihn immun gegen Strafen für seine Taten machten. Außerdem blieb er Oberbefehlshaber der Armee. Der Ex-Präsident blieb ungestraft, bis er 1998 auf Ersuchen des spanischen Richters Baltasar Garzón in London festgenommen wurde. Da viele verschiedene Länder beteiligt waren, wurde das Verfahren jedoch immer wieder verschoben. Pinochet starb am 10. Dezember 2006 im Alter von 91 Jahren, noch bevor er verurteilt wurde.

Vom Dunklen zurück ins Bunte … hier eine Kollektion der tollen Street-Art-Malereien in den Gassen Valparaisos:

Die in der Mitte ist echt 😜

Besuch bei Freunden

Die letzten sieben Tage sind wir gemütlich die Pazifikküste nordwärts entlang getuckert … immer die „Ruta del Mar“ im Blick. Wie eine Perlenkette ziehen sich die (meistens von Vulkanasche schwarzen) Traumstrände, pittoresken Fischerörtchen und sanften und grünen Hügel der Küstenkordillere Richtung Norden. Unbeschreiblich sind die teils spektakulären Sonnenuntergänge weit im Westen des pazifischen Horizonts … wir können uns daran nicht satt sehen.

Abwechslung boten so betriebsame Örtchen, wie Pichilemu, die sich selbst die Welt-Hauptstadt des Surfings nennt. Es ist schon atemberaubend, die haushohen Pazifikwellen kilometerweit draußen auf dem Meer bereits anrollen zu sehen … mittendrin wie Ameisen die Surfer. Kommt dann die perfekte Welle, schwingen sie sich auf ihr Brett und reiten die Wellen in gekonnten Schwüngen minutenlang bis in Strandnähe … Adrenalin pur, kann ich mir vorstellen.

Pichilemu – Capital Mundial del Surf 😎

Mein Respekt ist diesen Sportlern sicher, hatte ich bereits 1996 auf Hawaii leidvoll die Urgewalt pazifischer Wellen erleben dürfen. Damals dachte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn, daß ich das, was die können, auch locker kann. Nix da! Statt durch die Welle durch zu tauchen, brach die erste mehrere Meter hohe Welle direkt über mir. Das ganze wiederholte sich mehrmals, ich bekam nur kurz zwischendurch Luft, wurde umher geschleudert und konnte mich glücklicherweise mit allerletzter Kraft in seichteres Gewässer retten. Seitdem habe ich als jahrelanger Scuba-Taucher gelernt, enormen Respekt vor der Gewalt des Meeres zu haben …

Mittlerweile befinden wir uns in den rund 100 km westlich liegenden Urlaubsorten Santiago de Chiles kurz vor der Pazifik-Metropole Valparaiso. Konnten wir weiter im Süden problemlos überall sicher stehen, sieht es hier anders aus. Der regelmäßige Ansturm der Hauptstädter auf die Küstenorte motiviert Langfinger und Diebe, hier ihr Unwesen zu treiben. Insofern sind wir sensibilisiert, unseren geliebten Chop-Chop hier keine Minute aus den Augen zu lassen … einschlägige Berichte in iOverlander bestätigen uns hierbei explizit.

Man lernt auf einer Reise wie unserer sehr schnell, ein gutes Auge für die Umgebung, das Verhalten der Menschen und demnach für die eigene Sicherheit in oft täglich neuen Situationen und Regionen zu entwickeln. Dies ist umso wichtiger, als daß wir fast ausschließlich frei stehen. Einerseits haben die meisten Campingplätze sowieso geschlossen, andererseits liegen die schönsten Plätze oft woanders. In den ganzen vier Monaten unserer bisherigen Reise haben wir ganze 3 Nächte auf einem Campingplatz gestanden … 2 Nächte zur Vorbereitung vor der Abreise auf die Osterinsel und 1 Nacht nach der Rückkehr spät abends …

Eine Familie zum Knutschen … v.l.n.r.: Javier, Jeanette, Jorge und Rafael

Apropos Valparaiso und apropos Osterinsel … erinnert ihr euch an Jorge, Jeanette und ihre beiden Kinder Javier und Rafael? Die wohnen in Valparaiso. Damals auf der Osterinsel hatten wir uns angefreundet und durften an ihrer Hochzeit teilnehmen. Der Abschied fiel damals schwer aber umso leichter, als das ein Wiedersehen in Aussicht stand … nämlich nächstes Wochenende bei ihnen zuhause in Valparaiso!

Rafael freut sich schon – aber hört selbst 😁:

Nachricht von Rafael, den Natalie in ihr Herz geschlossen hat … voll süß!

Ruta del Mar

Nachdem wir am Wochenende dem Archipel Chiloé bye-bye gesagt haben, richteten wir unseren Blick direkt nach vorne … bzw. nach Norden. Vor uns lag erneut die Schlagader Chiles, die Ruta 5 – auch Panamericana genannt. Diese führt vertikal durchs ganze Land, von Arica im Norden bis hinunter zu uns in Puerto Montt … 3.363 Kilometer parallel auf der Westseite der Anden entlang. Wir fahren zwar nicht ganz die 3.363 Kilometer nach Arica rauf – siehe vorherigen Bericht, Stichwort: Routenänderung – aber rund 2.100 Kilometer werden es wohl bis zum 4.726 Meter hoch im Herzen der Anden liegenden Paso San Francisco, der uns in einigen Wochen wieder nach Argentinien rüber bringt.

Rund 700 Kilometer davon – also ein Drittel – haben wir bereits seit Chiloé hinter uns gebracht. Wir verbinden die Fahrt immer mal wieder mit Abstechern nach Westen an die Pazifikküste, um mal mehr, mal weniger lange Abschnitte an der Küstenstrasse Richtung Norden zu fahren … zumindest dort, wo möglich …

Im Süden wird die Ruta 5 auch „Ruta de los Volcanos“ genannt (hier der Conguillio) …

So fuhren wir über Puerto Varas im Urlaubsmekka Chiles, dem Seen- und Vulkangebiet rund um den Vulkan Osorno, nach Bahia Mansa an den Pazifik. Von hier kann man Boote anheuern, um einem der schönsten und auch unbekanntesten Orte der Welt einen Besuch abzustatten – Caleta Condor. Leider hatte sich für uns das Wetter noch nicht wirklich gebessert. Die Regenwolken – seit Chiloé penetrant im Schlepptau – verhagelten uns auch diese Tour … im wahrsten Sinne des Wortes.

Vanlife ist halt ein Outdoor-Sport und man ist mit seinem rollenden Domizil auf Gedeih und Verderb dem Wetter ausgeliefert … inklusive immer noch tropfender Dachluke. An Reparatur ist bei Regen ja ebenfalls nicht zu denken.

Was macht der gemeine Mitteleuropäer also bei Mistwetter? Er geht in den Baumarkt shoppen! Ebenso wir … Sodimac heißt der toom hier und ist exzellent ausgestattet. Sowohl fachlich, was zu erwarten war, als auch infrastrukturell. Freies Breitband-WLAN, Toiletten, Cafeteria und sogar eine Co-Working-Area gibt es hier … da lässt es sich locker einen verregneten Tag aushalten.

Vom Sodimac in Temuco ging es gestern zu einem weiteren Ausflug an die Pazifikküste – nach Concepción und dem vorgelagerten Playa Lenga. Und dort hatten wir sie wieder – die Sonne ☀️! Als hätte sie ein schlechtes Gewissen, hat sie uns nach 1,5 Regenwochen pünktlich zum Maifeiertag den ganzen Tag mit herrlichstem Wetter beglückt … so schööööön …

Jetzt aber zum Titel dieses Beitrags. In Concepción beginnt sie nämlich, die Ruta del Mar. Eine „Scenic Route“, die sich über rund 350 (!) Kilometer an der Pazifikküste an malerischen Fischerorten vorbei und an verträumten Buchten entlang gen Norden schlängelt.

Wie gemacht für uns!

Der erste Abschnitt führte uns heute bei erneutem Kaiserwetter von Concepción bis ins etwa 100 Kilometer nördlich gelegene pittoreske Pazifik-Dorf Cobquecura an den dortigen Playa Loberia. Der Playa hat seinen Namen von den wenige Meter vorgelagerten „Isoletes de la Loberia“. „Ein kahler Felsen“, würde der Ahnungslose sagen. Keineswegs! Auf dem kahlen Felsen lebt nämlich eine Seelöwen-Kolonie, die ordentlich Krawall macht …

So verbringen wir die heutige Nacht an diesem skurrilen Strand, 20 Meter von der Brandung des Pazifiks entfernt und lauschen den Wellen und dem Heulen der Seelöwen … gute Nacht! 💤